Christoff Bleidt

Bildende Kunst, Film / Funk, Theater

Pegasus:Konzept

Eindrucksvolle Events,
kompetent,
mit höchsten Ansprüchen
recherchiert,
geplant
und realisiert:

 

Das Pegasus:Konzept |

Ihr Thema
multimedial
zu einem Ereignis machen,
das ist unsere Profession

Christoff Bleidt, Probenfoto
Foto: (c) 2002, Forward-Medien, Sönke Lassen
 

 

Sie haben den Impuls, wir haben die umsetzungsorientierte Kreativität

Pegasus :Projekte
werden geplant und realisiert
in intensiver Zusammenarbeit eines Teams von
Autoren, Komponisten, Regisseur,
Choreographen,
Raum- und Lichtgestaltern,
Set- und Kostümdesignern
Bild-, Ton- und Videospezialisten
Showtechnik- und Logistikspezialisten
Casting - und PR-agenturen

Wir begleiten Ihre Events
in allen Phasen der logistischen Abwicklung

Kontakt:pegasusprojekt@imail.de

Ausstellungsdesign und
Environment-Entwicklung
Budgetierung, Kontakte
Realisierung, PR und
Personalmanagement

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Brecht-Weill-Revue | Orpheus-Ensemble | Oluf-Samson-Gang | Flensburg 1998/99 |

Inszenierung | Christoff Bleidt

"Mackie Messer" an der Küste Das Publikum johlte, pfiff und klatschte sich die Hände wund. Die Brecht/Weill-Revue "open air" im Oluf-Samson-Gang. Eine Premiere, ein Wagnis, ein Geniestreich. Trotz technischer Probleme und schlechter Sichtverhältnisse waren sich die meisten Besucher einig: eine tolle Sache für Flensburg. Das Gesamtkunstwerk "Brecht/Weill im Oluf" wird unvergessen bleiben

Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, FLENSBURG, Joachim Pohl


Explosion der Begeisterung
Publikum bejubelt Brecht-Weill-Revue

Die roten Bretterwände, die Flensburgs berühmteste Gasse absperrten, verhießen etwas Besonderes und reizten zum Lugen. Die Laternen waren mit transparenten blauen Tüchern verhüllt. Versteckte Scheinwerfer tauchten die schnuckeligen Fassaden in rotes und blaues Licht. Das Orpheus-Team hatte die Bordellgasse sacht aus ihrem Schattendasein ins Rampenlicht der Kultur geschoben.

Brecht-Weill-Revue | Flensburg | Oluf-Samson-Gang
Foto: (c) Marianne Lins, Flensburger Tageblatt 1998
 


"Vielleicht gehen einige von Ihnen in Zukunft häufiger in diese wunderschöne Straße", meinte Revue-Regisseur Christoff Bleidt in seiner Begrüßung, nachdem er sich bei den Anwohnern und den "hier Gewerbetreibenden" bedankt hatte. Zwar verbreiteten rote Lampen hinter einzelnen Fenstern einen Hauch von Bordell-Atmosphäre, aber die Damen hatten frei genommen. Dafür verfolgten emige Anwohner aus den offenen Fensfern im ersten Stock das Geschehen auf dem Pflaster. .
Hinter der Bühne im unteren Bereich der Gasse gingen Schauspieler und Musiker fertig geschminkt mit einem Glas Sekt auf und ab. "Ich hoffe, das Publikum friert nicht so wie ich", meinte ein leicht nervöser Andreas Fahnert. Theater-Chefin Conny Meesenburg wimmelte Neugierige am roten Sperrzaun ab.

Mit dem neuen HochglanzProgrammheft in der einen und dem Cocktail oder Chianti Classico in der anderen Hand suchten sich die Besucher einen Platz auf einer der Holzbänke. Immer wieder wurden bange Blicke gen Himmel gerichtet: Bleibt es bei dem hauchfeinen Nieselregen, der kurz über den Köpfen zu verdunsten schien? Es blieb dabei; die Schirme wurden nicht gebraucht.

Um 23 Uhr war es dunkel: Das Intro von "Mackie Messer", die Melodie, die jeder kennt.
Die erste Gänsehaut, - obwohl sich das Publikum zwangsläufig gegenseitig wärmt. Axel Stosberg, kreidebleich, starre Mimik, bewegungslos: "Und der Haifisch, der hat Zähne." Sollte das Ensemble nervörser als sonst sein, merkt man es ihm nicht an. Birte Hansen schmachtet herzzerreißend in ihrer Liebesballade und wedelt mit der Federboa. Bea Plöhn verzweiIfelt an ihrem "Surabaya Johnny" und liebt und haßt ihn tatsächlich. Andreas "Maceath " Fahnert ist furchterrergend böse und läßt seinen rocktrainierten Bariton durch die Gasse grollen. Ganz klar: Die Brecht / Weill-Revue aus dem Orphens-Stall ist ein echtes Bravourstück.
Kurz vor eins dann der Höhepunkt: "Seeräuber-Jenny" Bea Plöhn: intensiv und ganz böse.
"Und ein Schiff mit acht Segeln und mit 20 Kanonen : wird beschießen die Stadt."
Das schwarze Tuch der Bühnen-Rückwand fällt, der voll aufgetakelte Haikutter "Carmelan" an der Schiffbrückenpier strahlt im Scheinwerferlicht, und acht Böller zerfetzen die Stille über dem Hafen.        Das Publikum explodiert vor Begeisterung.

Brecht-Weill-Revue | Orpheus-Ensemble | Flensburg Hafenspitze | Hanse Sail 2000

Brecht-Weill-Revue begeisterte letzte Nacht tausende Besucher an der Hafenspitze


Rauchiger Reiz auf schwankenden Planken
In der Flensburger Kulturszene dürfte die „Brecht-Weill-Revue" hinreichend bekannt sein, wurde sie doch bereits vor zwei Jahren frenetisch gefeiert. Dennoch hatte die Aufführung der Eigenproduktion des kleinen Orpheus-Theaters gestern abend an der Hafenspitze nicht nur für das Publikum Neues auf Lager. Auch für das achtköpfige Ensemble war die Revue gewissermaßen eine zweite Premiere. Denn die Bretter, die die Welt bedeuten, bestanden diesmal aus „schwankenden Planken": Das schwimmende Bühnenschiff mit dem hölzernen Steg ins Publikum bot genau den richtigen Rahmen für das bissig-frivole Moritaten-Stück zwischen Hölle, Bordell und Meer.

Diese Szenerie verlieh der Revue einen rauchigen Reiz. Die Hinterhof-Atmosphäre wurde eben an den Hafen verlegt, doch gennauso eindringlich bohrte sich Brechts Botschaft mit dem erhobenem Zeigefinger des bleichen Sprechers (JörgHoffmeister) durch Macheath, Polly, Jonny und Jenny dem Publikum ins Gehör.

Jedes Detail passte: Der „Mond über Soho" wurde statt der acht Segel zum „Liebeslied" zwischen Macheath und Polly am Mast gehisst. Wo von 50 Kanonen an Bord gesungen wurde, da donnerten auch echte Kanonen-Schüsse in die Nacht. Musik mit Tiefgang, und im schummrigen Licht des Schiffs machte „Seeräuberbraut Jenny" (Bea Plöhn) als Witwe aus der Dreigroschenoper lasziv die Beine breit, sang von sexueller Hörigkeit und trieb in ihrem aufreizenden Straps-Outfit sicher so manchem Mann die Schamesröte ins Gesicht. Wie gut, dass es draussen dunkel war,

Brecht-Weill | Hafenspitze Flensburg | Sail 2000
Foto: (c) 2001 pegasusprojekt
 



Das änderte sich allerdings zum furiosen Finale, als mit den ersten Klängen des „Alabama Song" im vollbesetzten Rondell an der Hafenspitze tausende Wunderkerzen aufflammten und aus den Ladeluken hunderte weißer Luftballons von Scheinwerfern angestrahlt in den Nachthimmel aufflogen. Beinah kam Schunkel-Stimmung in der friedlichen Zuschauermenge auf.
"Ganz fantastisch, eine tolle Szenerie" schwärmten Besucher. „So ein Kulturprogramm steht der Stadt richtig gut. Das sollte es viel öfter geben. Dann kommen nämlich auch Flensburger!"
Wasserprobe bestanden!

Flensburger Tageblatt, 05.08.2000

Die Brecht-Weill-Revue | Orpheus-Einsemble 1998

Christoff Bleidt | Inszenierung

Impressionen

Die Brecht-Weill-Revue | Impressionen 1
Foto: (c) Orpheus-Theater 1998-2001
 

Husumer-Nachrichten-Revue und ihr „Dream Team“

Eine spannende Zeitreise

Montags-Interview: Husumer-Nachrichten-Revue und ihr „Dream Team“

Eine spannende Zeitreise

Husum – Rüdiger Otto

Christoff Bleidt ist seit 1994 Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Niederdeutschen Bühne Flensburg. Aus Anlaß des 125. Geburtstages der “Husumer Nachrichten" brachte der 42jährige, der in Frankrelch, München und Berlin Schauspiel studiert hat und seit 1983 als Regisseur arbeitet, eine imposante Zeitungsrevue auf die Bühne.

Wer hatte eigentlich die Idee, den 125. Geburtstag der Husumer Nachrichten" zu einem Bühnenereignis zu machen?

Bleldt: Soweit Ich weiß, gab es da bei der Zeitung schon gewisse Vorstellungen. Michael Reinhardt, Leiter der Flensburger Event-Agentur „Concept Entertainment", stellte dann den Kontakt zum Texter und Musiker Andreas Fahnert und zu mir her.

Warum haben Sie sich gerade für die Form einer Revue entschieden?

Bleidt: Wir haben sofort an eine Zeitreise gedacht. Der Begriff  „Revue“ beinhaltet auch einen Rückblick.

Wie gingen die Recherchen vonstatten? Nach welchen Kriterien haben Sie aus der Fülle von von Informationen, die 125 Zeitungsjahrgänge enthalten, das Wesentliche herausgefiltert?

Bleidt: Das läuft eigentlich immer mehrgleisig. Da gibt es eine ungefähre Vorstellung vom großen Bogen. Doch interessant wird es, wenn es an die konkrete Umsetzung geht. Plötzlich stellt man fest, dass man doch zu oberflächlich über die Sache nachgedacht hat. Da tauchen unerwartete Aspekte auf. Und man muss sich die Freiheit erhalten, diese Aspekte aufzunehmen, auch wenn sie das Konzept vorübergehend kaputtmachen. Wenn ich schreibe, möchte ich dem, was da entsteht, immer gern ein Eigenleben lassen. Das braucht es, wenn es „wirklich“ sein soll. Wir haben viel Zeit im sh:z-Archiv verbracht und uns zuweilen wie auf einer Zeitreise gefühlt. Ausgesucht haben wir am Ende nach dem Gesichtspunkt der regionalen Bedeutung. Wir wollten Geschichte in Geschichten erzählen – Weltgeschichte in ihrer regionalen Wirklichkeit. Und natürlich haben wir dabei immer an die dramaturgische Wirkung gedacht.

War von Anfang an klar, daß Sie das Thema multimedial – also unter Einsatz unterschiedlichster Techniken und Stilmittel – vom Musical-Element bis zur Dia-Projektion angehen würden? Oder hat sich das erst im Verlauf der Inszenierungsarbeit ergeben?

Bleidt: Wir wußten von Anfang an, dass wir die Fülle an Informationen nur mit dem simultanen Einsatz verschiedener Mittel sinnfällig machen können. Das war vielleicht die schwierigste Aufgabe: unterhaltsam sein, den Zuschauer „hineinziehen“, also Geschichte auch von innen erlebbar zu machen, und gleichzeitig wahrhaftig sein, also keine Allgemeinplätze zu wiederholen. Musik, Bilder, Texte, Figuren und Sprache – zum Beispiel das Plattdeutsche – kommentieren sich gegenseitig, und daraus entstehen Reibungen, neue Aspekte. Das hat auch sehr viel Spaß gemacht.

Wie sind Sie an das nötige Revue-Personal gekommen?

Bleidt: Viele Kollegen und Freunde aus dem Umfeld des Orpheus-Ensembles, der Niederdeutschen Bühne, der norddeutschen Musikszene und von Prinz-Events ließen sich spontan für das Projekt begeistern. Für Einige war das eine ganz neue Erfahrung. Und dabei entstand ein Dream Team.

Hatten Sie zwischendurch irgendwann einmal das Gefühl, alles hinschmeißen zu wollen, weil nichts lief, wie es sollte?

Bleidt: Man hat natürlich Erschöpfungszustände. Aber so ist das ja immer. Wenn der Countdown läuft und regelmäßig neue kleine und große Katastrophen über einen hereinbrechen, dann gibt es eben nur eine Devise: Augen auf – nicht zu – und durch. Optimismus gehört zum Beruf des Regisseurs. Und der hat natürlich auch mal seine verzweifelte Stunde…

Was ist das für ein Gefühl, an einem Stück zu arbeiten, das zu jener Zeit, als es in Auftrag gegeben wurde, eigentlich nur eine einzige Aufführung erleben sollt?

Bleidt: Auch das ist Theateralltag. Das gehört zum Wesen des Theaters. Es läßt sich nicht konservieren. Wo heute ein Feuer, ist morgen Asche. Dafür ist es auch an jedem Abend neu und einzigartig. Vielleicht liegt darin eine besondere Kraft. Aber natürlich kämpft man immer auch mit einer gewissen Frustration. Das kann man sich vorstellen. Allein in der letzten Produktionswoche wurden bis zu 19 Stunden täglich gearbeitet. Und dann ist sowas nach nur vier Stunden – wie im Rausch vorbei. Deshalb war die Begeisterung beiden 50 Mitarbeitern auch überwältigend, , als sh:z-Geschäftsführer Ulrich Gerhardt nach dem 20. November die Wiederaufführung versprach.

Was haben die Arbeiten an der Revue für Sie persönlich als Regisseur gebracht?

Bleidt: Ich habe schon eine Reihe ähnlicher Projekte gemacht, zum Beispiel für die Jahrtausendfeier der Stadt Potsdam. Es gehört zu den schönen Seiten in meinem Beruf, dass man sich immer wieder intensiv mit verschiedenen Themen beschäftigen darf, solche Reisen unternehmen kann. Die Begegnung mit dem Alltag der Geschichte bereichert, gibt einen neuen Blick auf all die kleinen, aber für den Menschen entscheidenden Aspekte. Aber die schönste Erfahrung war wohl die Zusammenarbeit mit diesem wunderbaren Team, das auch morgens um vier Uhr im Hotel noch zusammensaß, um Problemlösungen zu finden.

125 Jahre Husumer Nachrichten

Impressionen 1
Die Jahrhunderrevue | Impressionen 1
Foto: (c) 1998/99
 

125 Jahre Husumer Nachrichen

Impressionern 2
Jahrhundertrevue 1998/99 | Impressionen 2
Foto: (c) 1998 Sleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, 1998 Pegasus
 

100 Jahre Irene Thordsen | Geburtstagsgala | Irene-Thordsen-Kongresshalle 2000

Inszenierung | Christoff Bleidt

Impressionen

Thordsen-Gala 2000 | Impressionen 1
Foto: (c) Pegasus 2000
 

Carmina Burana | 700 Jahre Stadt Moers 2000 | Festivalzelt |

Inszenierung | Christoff Bleidt
Aus der Presse
Rheinische Post, 29.5.2000

Die Göttin auf dem Schicksalsrad...

 

Carmina Moers 2000
Foto: (c) 2000, HWL-Agentur, Düsseldorf
 

Für Christoff Bleidt beginnt die die Arbeit erst am kommenden Montag.
Dann wird es für den Regisseur spannend, denn er hat dann zwei Nächte und drei Tage Zeit, 320 Sänger, 70 Kindersänger, 80 Tänzer und 68 Orchestermitglieder in eine sinnfällige Choreographie einzubinden.
...
Bleidt betritt mit dem Moerser Carmina-Projekt keineswegs Neuland. Gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Klaus Peter Pfeiffer hat er schon diverse Großspektakel ähnlichen Zuschnitts erfolgreich gemeistert. „Wichtig ist mir, eine inhaltliche Linie in diesem Werk zu vermitteln“ betont er.
Die Schicksalsgöttin auf dem Rad - eine Zeichnung von Michelangelo stand Pate für das Cover von Programmheft und Plakat - ist Bleidts Leitmotiv:
“Ich will die Carmina wegrücken vom Klischeebild des rüden Mittelalters“,
so sein Bekenntnis.
Licht und Farben spielen eine zentrale Rolle.
Als Hilfsmittel auf der 15 Meter breiten und 28 Meter tiefen Bühnenfläche setzt der Regisseur Beamer, Life-kameras, vorproduzierte Filme und Standbilder ein.

Irmgard Bernrieder

Carmina Burana | Festivalzelt Moers | 700 Jahr Stadt Moers | 2000 | RHeinische Post | 9.6.2000

Mega-Ereingnis

Rheinische Post 09.06.2000

 

Vorher hatten die Veranstalter lange gezittert, Hunderte Mitwirkende geprobt, bis alles saß. Am Mittwoch ging eines der größten musikalischen Spektakel im Moerser Festivalzelt glanzvoll über die Bühne: Carl Orffs „Carmina Burana“, dargeboten von über 500 Mitwirkenden

Mega-Ereignis mit „magischen Bildern“

 

Das große musikalische Ereignis „Carmina Moers 2000“ als Höhepunkt der 700-Jahrfeier der Stadt Moers zog Massen von Menschen in das Festivalzelt, das schon für das bevorstehende New Jazzfestival im Freizeitpark steht. Die Musikalische Gesellschaft Moers hatte alles an Sängern, Instrumentalisten und Tänzern aufgeboten, was in Moers und Umgebung zu finden war. Der Aufwand hat sich gelohnt. Die Zuschauer waren begeistert.
(...)
Der besondere Clou lag jedoch im Optischen. Zum einen überzeugte die emotional treffsichere tänzerische Umsetzung durch die 80 jungen Mitglieder der „Duisburger Tanzwerkstatt“...
Zum anderen hatte Regisseur Christoff Bleidt für ein überzeugendes Gesamtkonzept mit Lichteffekten und Videoprojektionen gesorgt.
Da waren sie endlich einmal, die magischen Bilder, die Orff im Untertitel seines Werkes verlangte.
Das überfüllte Zelt tobte vor Begeisterung.

Ingo Hoddick

 

Carmina Burana | 700 Jahre Moers | Festivalzelt Moers | 2000 | Neue Ruhrzeitung

Inszenierung | Christoff Bleidt | Musikalische Leitung | Klaus-Peter Pfeiffer | Jürgen Hamanns

Neue Ruhr Zeitung, 09.06.2000

Über 500 Mitwirkende wurden am Mittwochabend im großen Festivalzelt im Moerser Freizeitpark aktiv, um vor ausverkauften Reihen -vor über 3000 Zuschauern - eine spektakuläre Version von Carl Orffs „Carmina Burana“ zu präsentieren

Carmina Burana - überaus effektvoll inszeniert

Großartiger Erfolg für die musikalische Gesellschaft Moers. ...
Das „musikalische Spektakel Carmina Moers 2000 begeisterte, es berauschte, aber verwirrte nicht. Wie denn überhaupt Orffs Musik keineswegs die Schau gestohlen wurde...
Im Gegenteil. Das Stück, hier natürlich weniger oratorienartig, sondern eher als Nummernrevue vorgeführt... provoziert mit seiner Effektversessenheit geradezu all dies, was vor allem eines will, und das völlig zu Recht: beeindrucken.
...
Eine hinreißende Carmina als Gesamtkunstwerk aus Musik, Literatur und Tanztheater. Eine ähnliche Aufführung hat es in unserer Region noch nicht gegeben.

Günter Metzner

Carmina 2000
Foto: (c) 2000 Pegasus
 



"Mondsüchtig" | Opernball | Theater der Landeshaupstadt Magdeburg | 2001

Buch und Inszenierung | Christoff Bleidt
 Mit dem Ensemble des Theaters der Landeshauptstadt Magdeburg und Herbert Feuerstein a.G.
 

Presse: Eröffnung der Campushalle | Flensburg 2001

Inszenierung | Christofff Bleidt und Andreas Fahnert
Flensburger Wochenschau

Die Hölle Nord bebte
Tolles Programm und Sieg der SG zum Auftakt



Es ist geschafft. Die Campushalle ist eröffnet. Mit einem Mammutprogramm von Sport, Musik, Show und Unterhaltung wurden 6.000 Fans und Besucher in der neuen Arena begrüßt.

Und die Eröffnungsfeier hielt was sie versprach. Beim Betreten der Halle merkte man es schon. Hier ist etwas Besonders in Flensburg entstanden. Und ein Blick von den Logenplätzen macht es deutlich: Ist die Spielfläche weit weg! Erkenne ich eigentlich noch Lars Christiansen ? Lars Krogh Jeppesen? Ja, der ist über zwei Meter groß. Personen mit Höhenangst sollten sich einen Logenbesuch gut überlegen. Aber da ist ja zum Glück Deutschlands größte Stehplatztribüne. Sie bietet 1.500 Besuchern Platz. "Ist die nicht toll?" meint ein eingefleischter SG-Fan. Ja, so kann man es auch sagen. Die ganze Halle ist ein völlig neues aber auch tolles Ergebnis, dass merkt man auch schon nach wenigen Minuten.

Der erste Teil des Festprogramms beginnt. Die Eröffnungsreden werden gehalten. Das Publikum lauscht gespannt. Symbolisch wird ein Riesenschlüssel an die Nutzer der Halle übergeben. Dann betreten Fan-Club-Mitglieder das Hallenparkett. Die beiden Tore der Fördehalle, die in einem offenen Corso durch die Stadt transportiert wurden, werden in der Campushalle verankert. Da kommt ein erster Hauch von Nostalgie auf. Und Blau-Weiß gestrichen sind sie auch noch.
Dann betritt Jan Holpert mit einem Jugendspieler die Halle. Es ist Max Lipp, Sohn vom ehemaligen SG-Torwart Peter Lipp. Strahlendes Licht umfließt den Jungen und Nebel dampft aus dem Boden. Er nimmt Anlauf und erwischt Jan Holpert auf dem falschen Fuß. Tor!

Dann füllen 30 Kinder mit Riesenluftballons das Spielfeld und sorgen ausgelassen für gute Stimmung. Dazu läuft der SG-Song in einer neuenOrchesterversion. Tolle Klänge zur tollen Unterhaltung.
Doch auch das wird noch getoppt. Es brandet riesiger Applaus bei den 6.000 Fans auf. Nein, nicht die Mannschaft der SG läuft auf. Kein geringerer als Joachim "Jo" Deckarm betritt das Parkett der neuen Arena. Deckarm erhält einen Scheck für den nach ihm benannten "Jo Deckarm Fond", der behinderte Sportler unterstützt. "Ich sage einfach nur Danke" verkündet Deckarm sichtlich gerührt über das Hallenmikrophon. Tosender Applaus begleitet ihn, als er die Spielfläche verlässt, um sich das Bundesligaspiel aus der VIP-Loge anzusehen. Dann betreten die Mannschaften die Spielfläche und der Beifall hält an.
Jetzt kribbelt es bei allen Fans. In einigen Minuten wird erstmals ein Handballspiel ihrer Lieblinge ausgetragen. Die offizielle Begrüßung des Publikums durch den Hallensprecher erfolgt. "Herzlich Willkommen in der Fördehalle in Flensburg" sagt Holger Jessen. Zehn Jahre in der altehrwürdigen Arena haben auch ihn geprägt. Dann ist es soweit. Angeführt von einem der Schiedsrichter, es pfiffen die Methe-Zwillinge, laufen die Gäste vom THSV Eisenach in die Halle.
Das Licht geht aus. Spot an! Im Lichtkegel laufen die Spieler der SG Flensburg-Handwitt in ihre neue Arena.
Was für ein Erlebnis! Dementsprechend motiviert sind die Mannen von Erik Veje Rasmussen. Nach dem 4-3 nach knapp zehn Minuten legt die SG los wie die Feuerwehr. Über 10-6 ( 17.) überrennt die SG die überforderten Gäste zum 16-7 Halbzeitstand. Nach der Pause das gleiche Bild. 27-14 heißt es nach 45. Minuten. Im Gefühl des sicheren Kantersieges wollen es die SG-Akteure zu gut machen. Das nutzt Eisenach, um das Ergebnis auf ein zwischenzeitliches 27-20 ( 52.) zu lindern. Am Ende steht ein klares 30-22 zu Buche.
Der Auftakt in der Campushalle war gelungen. So kann es weiter gehen.
Gelungen ging es dann auch weiter. Eine Stunde lang versuchte RSH-Moderator Volker Mittmann die euphorische Stimmung beim Publikum zu erhalten, während etwa hundert fleißige Helfer die Spielfläche zu einer Showbühne umfunktionierten.

Ministerpräsidentin Heide Simonis ließ es sich nicht nehmen, der Stadt Flensburg zur neuen Halle zu gratulieren. Die Spieler der SG traten auf und richteten einige Worte an ihre Fans. Matthias Hahn, der aufgrund von Personalmangel aushalf, meinte: "Ich muss Erik erst mal die 500 Mark geben, weil er mich aufgestellt hat. Das ist eine tolle Halle. Jetzt spiele ich auch noch bis zum Saisonende", konnte auch er sich nicht der Faszination der neuen Arena entziehen.
Danach ging es los: Es folgte der mit Spannung erwartete Show- und Musikteil.
Es begann mit Mike Krüger. Der Quickborner zeigte gut gelaunt, daß er von seinem Können noch nichts eingebüßt hat. Kleine Seitenhiebe auf Rudi Carrell und die verpasste WM-Qualifikation der Holländer gehörten ebenso zum Programm, wie seine Kultsongs "Bodo mit dem Bagger" und "Der Nippel".
Ihm Folgten die Olsen Brothers. Die Grand Prix-Sieger des Jahres 2000 begeisterten durch ihre sehr gute Rock- und Pop-Musik ebenso wie durch ihre Deutschkenntnisse. Der Höhepunkt war natürlich ihr Grand Prix Welthit "Fly on the Wings of Love", den sie in ihrer dänischen Muttersprache, sehr zur Freude der dänischen Fans, begannen. Zum Abschluss folgten dann die Weather Girls. Sie bewiesen, dass sie, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Wucht sind. Sie Holten aus den immer noch 2.000 Besuchern das Letzt raus. Mit Glanz und Glamour bestachen die „Weathergirls“ durch ihre Stimme und das Einbeziehen von sechs Zuschauern, die auf der Bühne zu ihren fetzigen musikalischen Rythmen tanzten. Bei der Zugabe, ihrem unverwechselbaren Welthit "It´s raining man", kamen dann noch einmal fast alle Spieler der SG auf die Bühne und tanzten und feierten mit den Weather Girls und dem Publikum.
Eine rundum gelungene Veranstaltung ging damit zu Ende. Flensburg hat jetzt die Möglichkeit, mit Sport, Konzerten und Shows in dieser Halle etwas zu bewegen. Man darf sich schon auf die nächste Veranstaltung freuen.
Impressionen Eröffnung der Campushalle Flensburg
Foto: (c) 2001 Pegasus
 

„100 Jahre Verband der deutschen Versandbuchhändler“ | Schaubühne Lindenfels | Leipzig 2001

Eine Balance zwischen der Brillianz einer Galaveranstaltung...

„100 Jahre Verband der deutschen Versandbuchhändler“, 2001


Eine Balance zwischen der Brillianz einer Galaveranstaltung...

... und „ausgelassener Partystimmung“ hatten sich die Auftraggeber für die Festveranstaltung zum 100. Jahrestag der Gründung des „Verbandes der deutschen Versandbuchhändler“ anlässlich der Leipziger Buchmesse 2001gewünscht.
Sie ließen sich überzeugen, daß die „Schaubühne im Lindenfels“ mit ihrer verwegen avantgardistischen Atmosphäre dem Gohliser Rokoko-Schlößchen als Veranstaltungsort für dieses Jubiläum überlegen sein würde.

Gezielt eingesetzte zusätzliche Details wie Krohnleuchter und Art-Nouveau-Standleuchter, großzügig dekorierte Schleierabhängungen und eine aufwändige Lichteinrichtung ließen die Atmosphäre verblichenener Stuckdecken und abgeblätterter Fresken in den Sälen und Clubräumen festlich und zugleich abenteuerlich aufglänzen.
Damit enstand in dem alten Ballhaus ein exklusives und hochwertiges Ambiente, das den Gästen trotzdem, nach dem eher steifen Umfeld des Tagesgeschäftes auf der Buchmesse, individuelle Freiheit gewährte, ohne Rauchverbot oder die Angst, Rotweinflecken auf denkmalgeschützten Tapeten zu verursachen.

Eine genau geplante Logistik für die zur Verfügung stehende Raumlandschaft bot dabei verschiedene Kommunikationsbereiche und Rückzugs-möglichkeiten an, die aber miteinander in Verbindung blieben.
Mit wenigen signifikanten Möbeln und Requisiten gab es neben der betonten hauseigenen Anmutung der Jahrhundertwende im Ballsaal und im Eingangsbereich ein „20er-Jahre-Foyer“, eine „50er“-Coktailbar im ersten Stock und im gleichen Stock eine separierte 70er-“Clubecke“. Damit wurde zugleich der Aspekt der „Jahrhundertchronologie“ unaufdringlich, aber spürbar eingebracht.

Mit Architekturbeleuchtung, „Sky-roses“ auf den Balkonen , rotem Teppich, Baldachin und Fackeln an der Treppe zur Empfangsterasse, wurde die Fassade der „Schaubühne“ für diesen Abend zu einem bemerkenswerten „Blickfänger“ und erleichterte den Gästen die Anfahrt.

Gerade um den Eindruck von Offenheit und Spontaneität zu ermöglichen, wurde der gesamte Veranstaltungsablauf über Intercomleitungen und Funk mit den Koordinatoren und der Gastronomie von der Regiezentrale gesteuert.

Die 300 Gäste, die aus der gesammten Bundesrepublik angereist waren, dankten mit ausgelassener Feierlaune während des künstlerischen Programmteils, an dessen Ende gegen Mitternacht die „Weathergirls“ die Stimmung zum Kochen brachten, und tanzten anschließend bis in die frühen Morgenstunden.

Gala Buchmesse Leipzig 2001 | Impressionen 1
Foto: (c) 2001 pegasus
 

100 Jahre Verband der deutschen Versandbuchhändler | Buchmesse Leipzig | Schaubühne Lindenfels 2001

Christoff Bleidt | Inszenierung | Impressionen 2
Impressionen | Gala Buchmesse Leipzig 2001 | Impressionen 2
Foto: (c) Pegaus 2001
 

Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein 2002 | Jürgensen-Motorenhalle Flensburg

Buch und Inszenierung | Christoff Bleidt | Komposition und Musikalische Leitung | Andreas Fahnert

Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein 2002 | Jürgensen-Motorenhalle Flensburg

Buch und Inszenierung | Christoff Bleidt | Komposition und Musikalische Leitung | Andreas Fahnert

Ein bißchen Olympia-Eröffnungsfeier, ein Stück aus "Sophies Welt", ein Hauch von Musical und ganz viel Magie, Musik und Bühnenzauber - das waren die "Fabrikvisionen". Wer dabei gewesen ist, ob auf oder vor der Bühne, kann sich glücklich schätzen.

Die "Fabrikvisionen", Schluß und Höhepunkt des IHK-Festivals "Visionen 2002 Schleswig Holstein", sind durchaus geeignet, das Selbstbewusstsein der Stadt zu heben. Was das Team um Christoff Bleidt und Andreas Fahnert da an zwei Abenden in einer alten Fabrikhalle inszenierte, verdient allerhöchste Anerkennung - auch wenn es nicht in allen Einzelheiten Großstadtniveau erreichte. Aber dieser Maßstab ist irrelevant, denn hier ging es darum, mit der Unterstützung von sechs Flensburger Unternehmen ein einzigartiges und in dieser Form wohl nicht wiederholbares Kulturprojekt auf die Beine zu stellen, das inhaltlich die Geschichte der Welt wiederspiegelte, aber gleichzeitig ein Spiegel des vielfältigen kulturellen Lebens dieser Stadt ist. Schauspieler, Sänger, Musiker, Tänzer, Maler, Techniker und die Macher - nahezu alle kommen aus der Region.

DIE GANZE WELTGESCHICHTE BEI "HEIN SCHLIEP"

Die Fabrik - Visionen in der alten Halle von Motoren- Jürgensen wurden zu einem berauschenden, multimedialen Gesamtkunstwerk, wie es Flensburg noch nie gesehen hat. Mit stehenden Ovationen verabschiedete das begeisterte Publikum die rund 80 Akteure.

Es riecht nach Metall und Öl in der alten "Hein Schliep" - Halle an der Batteriestraße in Flensburgs altem Industrieviertel. Geriffelte Platten aus Recycling-Metall liegen als Tischplatten auf schweren, kurzen Stahlzylindern - Weltmarkt-Produkte von M. Jürgensen für die Schiffsmotoren aus den Werften dieser Welt. Die Halle verbreitet ein Ambiente von guter, alter Arbeitswelt, von Eisen, Stechuhr und Achtstundentag. Und hinter dem hallenhohen schwarzen Vorhang wartet die Weltgeschichte auf das Flensburger Publikum.

"Fabrik-Vision" kling nach Arbeitstitel und nicht nach Poesie und Bühnenzauber, Farbenpracht und Klangwelten. Aber genau das bekamen die rund 500 Zuschauer an beiden Abenden im Überfluss zu sehen und zu hören. Die über dreistündige Vorstellung war Multimedia - Theater wie bei der Eröffnung der
olympischen Spiele, war Drama und Rockkonzert, war Kunstperformance und Technik-Spektakel, enthielt Weltliteratur und Weltgeschichte, ja deckte sogar Philosophie, Mythologie und Wissenschaft ab.
Es schien als hätten Bühnenregisseur Christoff Bleidt und Musik - Chef Andreas Fahnert ihr gesamtes Weltbild und Lebensgefühl in die Aufführung gelegt. Es war bombastisch, poetisch, mitreißend, aber auch anspruchsvoll.

Ein Mädchen aus Flensburg und ihre Gedankenwelt bilden die Rahmenhandlung. Geschickt erfolgt der Übergang von den projizierten Bildern des Mädchens (Jana Hoffmeister) am Fördestrand zur Live - Jana auf der Bühne. Im ständigen Dialog mit der alten weisen Frau ( Renate Delfs ) erlebt Jana eine gedankliche, metaphysische Reise von den alten Griechen über die Revolutionäre des Weltbilds wie Giordano Bruno und Galileo Galilei bis hin zum modernen Ethno - Umwelt - Kosmos, wo die Weisheiten der Indianer mit der Naturwelt der Afrikaner und der Zivilisationskritik des kleinen Prinzen zu einer naiven aber immer noch sehr aktuellen Sicht der Welt verschmelzen. In rund drei Monaten haben Andreas Fahnert, der die gesamte Musik komponierte und dabei einige wunderschöne Pop - Songs geschaffen hat, und Christoff Bleidt dieses Spektakel auf die Bühne gestellt. Besonders gut gelang ihnen dabei die Anpassung ihrer Ideen an das Raumgefühl der Halle. Mit aufwändiger aber sehr sensibler Lichttechnik wurden immer wieder magische Bilder von großer Wirkkraft erzeugt, wie etwa das Bild des Ikarus (Ole Lagerpusch) auf dem hohen Gerüst.
Die hervorragend besetzte Band und der Chor ( Leitung Michael Hanke ) machten den Abend vor allem zu einem musikalischen Erlebnis. Mitreißend war der Auftritt der Schrott-Percussion-Truppe von Christian von Richthofen. Lokalkolorit verbreitete Kenneth Clemens mit seinem Flensburg Song und Gänsehaut verbreitete die Sängerin Evelyne Muntenjon mit dem "Vier-Elemente" - Song.

Schade, dass diese Fabrik - Visionen vermutlich einmalig bleiben.

Flensburger Tageblatt
FT/Joachim Pohl

 

Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein 2002 | Impressionen 1

Buch und Inszenierung | Christoff Bleidt | Komposition und Musikalische Leitung | Andreas Fahnert
Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein | Jürgensen-Motorenhalle Flensburg | 2002
Impresionen 1
Fabrikvisionen 2003 | Visionen Schleswig-Holstein | Impressionen 1
Foto: (c) 2003, Forward Medien
 

Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein | Jürgensen-Motorenhalle Flensburg | 2002

Impressionen 2
Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein | Jürgensen-Motorenhalle Flensburg | 2002
Impressionen 2
Fabrikvisionen 2003 | Visionen Schleswig-Holstein | Impressionen 2
Foto: (c) 2003, Forward Medien
 

Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein | Jürgensen Motorenhalle 2002

Impressionen 3
Fabrikvisionen | Visionen Schleswig-Holstein | Jürgensen-Motorenhalle Flensburg | 2002
Impressionen 3
Foto: (c) 2002, Forward Medien
 

Das Tagebuch der Anne Frank

Theater der Landeshauptstadt Magdeburg | 2001

Magdeburg Live - Events Theater Magdeburg  

Das Tagebuch der Anne Frank

von Frances Goodrich & Albert Hackett

Inszenierung: Christoff Bleidt
Bühne: Helmut Biedermann
Kostüme: Claudia Grabiger

Theater der Landeshauptstadt Magdeburg
Universitätsplatz 9 ,
39104 Magdeburg

Das Tagebuch der Anne Frank
Foto: (c) 2001 H. Banse, Theater Magdeburg
 

Das Drama konzentriert sich auf die acht Juden im Amsterdamer Versteck vor der Gestapo und deren im Verlaufe der Zeit komplizierter werdenden Beziehungen. Anne steht dabei nicht unbedingt im Mittelpunkt.

Sie ist die Chronistin nicht nur der eigenen, sondern auch der Gefühle aller anderen Mitbewohner.

Der Inszenierung ist eine sehr überzeugende Synthese von drei Ebenen gelungen: Die Zuschauer erfahren die wichtigsten Ereignisse, die das Leben im Hinterhaus bestimmen, die Ankunft der Bewohner, die mühsame Gestaltung ihres Alltags, aber auch die wenigen Höhepunkte, das Chanukka-Fest und Nachrichten von draußen.

Gleichzeitig sieht man die Flüchtlinge mit den Augen der Anne Frank, Beobachtungen wie sie nur ein Teenager machen kann, wenn sie etwa ihre Liebe und ihren Hass verteilt, wenn sie wechselt zwischen Mitgefühl und Verachtung.
Das Spiel ist so lebendig, dass es mit dem Wissen um den tragischen Ausgang fast zu schwer wird es anzusehen. Eine beeindruckende, sehr zu Herzen gehende Inszenierung.

(Volksstimme Magdeburg)

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Falk Richter | "Gott ist ein DJ" | Theater der Landeshauptstadt Magdeburg | 2002/2003

Zwei Akteure inszenieren ihr Publikum

Zwei Akteure inszenieren ihr Publikum

 

Magdeburg.
Am Sonnabend hat das Stück „Gott ist ein DJ" von Falk Richter auf der Podiumbühne des Theaters der Landeshauptstadt Premiere. Die Situation, die Autor Falk Richter in seinem Zweipersonenstück „Gott ist ein DJ" vorführt, ähnelt ein wenig der des Big-BrotherSpiels.

Das Stück ist aber bereits vor der Fernsehshow entstanden. Das Thema, so der Regisseur der Magdeburger Inszenierung Christoff Bleidt im Gespräch mit der Volksstimme, lag in der Luft. Es sind die gleichen Impulse, die für das Stück und für Big Brother verantwortlich sind: Wie setzen wir uns mit den Bilderfluten auseinander, wie inszenieren wir uns selbst in einer Welt, in der scheinbar alles mediale Vorstellung ist, und in der kaum etwas anderes zu existieren scheint als das, was diese Bilder zeigen?

Es ist eine Spiel-im-Spiel-Situation, in der die Akteure, ein DJ und eine Fernsehmoderatorin, ihr Leben als Videoinstallation in einer Kunsthalle präsentieren. Sie wählen selbst aus, welche Stücke ihres Privatlebens zu öffentlichen Bildern werden.

Dabei zerfällt ihr Leben in einzelne Takes, in Stücke, die sie für ihre Selbstinszenierung zurechtbauen. Das ganze Stück, oder ist es nur das, was die beiden in der Kunsthalle vorspielen, ist aufgebaut wie eine DJ-Performance, in der Schicht auf Schicht, Stück an Stück zu einem künstlichen Sample zusammengesetzt wird.

Das Publikum wird diese, so Christoff Bleidt, wie ein Memory-Spiel zusammensetzen müssen. Dieses Stück, meint der Regisseur, spielt ganz nahe am Publikum.
„Jeder von uns ist der Bilderflut ausgesetzt und muss ständig Entscheidungen treffen, eine Auswahl, um die eigene Identität zu finden.
Es geht darum, seine Seele zu behalten in einer Zeit, in der ununterbrochen Bilder zugänglich sind, die einem das Herz zerreißen."
Im Stück inszenieren die beiden Akteure, Tabea Scholz und Thomas Fritz Jung, ihr Leben als Bilderwelt fürs Publikum und sehnen sich nach einem Leben hinter dem Bild, aber das gelingt nicht wirklich.
Christoff Bleidt, der mit dieser Arbeit zum dritten Mal in Magdeburg inszeniert (Theaterball und "Das Tagebuch der Anne Franck"), sagt, er sei eigentlich kein "Vielfernseher". Seit einigen Wochen aber, in Vorbereitung auf das Stück, hat er sich in ausgedehntem Zapping geübt, um die Wirklichkeit der Fernsehwelt authentisch gestalten zu können.

An die Schauspieler, meint er, werden höchste Anforderungen gestellt. Es sei eine harte Arbeit, eine „inszenierte Privatheit" darzustellen, sich dabei in Bruchstücke zu zerteilen und wieder zusammenzufügen. Außerdem müssen sie in diesem Stück die gesamte Technik selber fahren, Licht, Ton, Mischpult, Kameras und Videotechnik.

Liane Borcholdt
Volksstimme Magdeburg, 19.04.02

Falk Richter | Gott ist ein DJ | Theater der Landeshauptstadt Magdeburg |        Tabea Scholz
Foto: (c) 2002, H.Banse, Theater der Landeshauptstadt Magdeburg
 

Kunstprodukt Leben

Elbe-Report 26.04.2004

Ein nachdenkliches Stück Theater: Gott ist ein DJ

"Es müssen schon andere für mich sprechen, ich kann das nicht selbst."
Dieser Satz steht als Kernaussage des Stückes während des gesamten Spiels im Raum.
»Gott ist ein DJ" hatte am Sonnabend Premiere im Theater der Landeshauptstadt

„Er" (Thomas Fritz Jung) ist DJ, Medienkünstler, „Sie (Tabea Scholz), ehemalige Femsehmoderatorin. Ihr gemeinsames Leben ist ein Kunstprojekt, künstlich, irreal, inszeniert. Sie mischen ihre Erlebnisse als Musikprojekte ab, verarbeiten ihre Gefühle und Phantasien in abgründigen Filmen, deren Parallelen zu Quentin Tarantinos umstrittenem Werk »Natural Born Killers" vom Autor Falk Richter durchaus beasichtigt sind. Ihre Wohnung ist verkabelt und kameraüberwacht wie eine Art privater "Big-Brother"-Container. Wenn die Kameras laufen, spielen sie den Zuschauern ein Leben vor, das allein ihrer Phantasie entspringt. Letztendlich aber verwischen Fiktion und Realität, Spiel und Ernst. Und ständig reden sie über ihre Beziehung, ihre Vergangenheit, ihre Zukunft, bis sie sich leer geredet haben. Und dabei haben sie jede Identität bereits verloren, sind längst keine Menschen mehr, sondern selbst nur noch Kunstobjekte.

Regisseur Christoff Bleidt ist mit seiner Inszenierung von „Gott ist ein Dj" ein sehr nachdenkliches Stück Theater gelungen, das den Zuschauer betroffen macht. Betroffen ob: der Authentizität, die es in sich birgt. Fast immer erlebt das Publikum auf der Podiumbühne das Spiel aus zwei Perspektiven, der wirklichen, von den Darstellern gespielten, und der den allgegenwärtigen Kameras auf die großen Leinwand, übertragenen. Von Tabea Scholz und Thomas Fritz Jung erfordert die Inszenierung höchste Konzentration. Neben dem schwierigen Text und dem ausdrucksvollen Spiel müssen sie auch noch die Bedienung der Technik meistern. Beide Darsteller zeigen sich diesen Anforderungen absolut gewachsen und machen „Gott ist ejn DJ" zu einem bemerkenswerten Theatererlebnis.

Karina Kunze
Elbe Report, 24.04.02

Falk Richter | Gott ist ein DJ | Theater der Landeshauptstadt Magdeburg
Foto: (c) H.Banse | Theater der Landeshauptstadt Magdeburg | 2002
 

Meervisionen | 2005

Buch und Inszenierung | Christoff Bleidt | Komposition und Musikalische Leitung | Andreas Fahnert
Buch und Inszenierung | Christoff Bleidt |                                                                                Kompositionen und Musikalische Einstudierung | Andreas Fahnert |

* Diese Produktion war für die Visionen Schleswig-Holstein 2005 geplant,
wurde jedoch aus finanziellen Gründen nicht realisiert.

 

Die Farben des Meeres spiegeln sich in den Träumen der Schlafenden. Der Bug ist die Kanzel, das Meer ist die Seele. Sein Strand ist die Geschichte. 

Ein unsagbar geheimnisvoller Zauber schwebt um dieses Meer;
mild und erhaben ist sein Gewoge und scheint eine Seele zu künden, die in seinen Tiefen verborgen liegt.So wogte, wie die Legende erzählt, der Rasen über dem Grab von Ephesus, in dem der Evangelist Johannes begraben ward.
Was Wunder, daß über diesen fernhinwallenden Prärien und Töpfersackern, darin die Ausgestoßenen und Pilger aller vier Kontinente ruhen,
die Wellen endlos steigen und fallen:
Hier schlummern Millionen Schatten und Phantome, versunkene Wünsche,
alles was wir Menschenleben und Menschenseele nennen.
Sie alle, in tiefenTräumen noch, werfen sich wie unruhevolle Schläfer in ihrem Bett umher;
die ewig rollenden Wogen sind rastlos durch der Schläfer Unrast.
Für jeden grüblerischen Wanderer muß der magisch blaue Pazifik für alle Zeit das erwählte Meer seines Herzens sein.
Im Stillen Ozean kreisen die Wasser der Weltenmitte. So umgürtet er rätselvoll die ganze Welt,
alle ihre Küsten dehnen sich um ihn wie eine einzige Bucht, er scheint das Herz der Erde, das im Rhythmus der Gezeiten schlägt.

("Ismael", Melville)

Taucher
Foto: Forward Medien | Sönke Lassen
 

 

Biene - Award 2006

Ablaufregie | Impressionen

Biene-Award  | E-Werk Berlin | Abendregie

Ewerk BerlinBiene-Award | E-Werk Berlin | 2006 | Abendregie
 
Foto: cc by sa
 
 
 
Foto: cc by sa 2006
 

Theater Affekt serviert Shakespeare

Eine Pate de fils im Römertopf

Theater Affekt serviert Shakespeare im Theater Zerbrochene Fenster

Eine Pate de Fils im Römertopf

NEUES DEUTSCHLAND, 12.11.92
Shakespeares Frühwerk „Titus Andronicus" wollte manchem Literaturkritiker gar nicht ins hehre Dichterbild passen, so monströs ist dieses Schauerdrama. Eine fiktive römische Rachetragödie, die Seneca nicht wüster hätte alpträumen können und deren Uberlebende man an den Fingern einer verstümmelten Hand abzählen könnte..Doch sie lag nicht nur voll im Trend des elisabethanischen Publikumsgeschmacks, sondern wies, wenn auch noch grobschlächtig, in Vielem schon auf die reiferen Werke Shakespeares hin.

Das Theater „Affekt", hervorgegangen aus einem Projekt der FU-Studiobühne, hat sich ausgerechnet diesen schweren Brocken, (vor dem selbst gestandene Staatstheater zurückschrecken) für seine zweite Produktion vorgenommen - und mit Bravour ein fesselndes Theatererlebnis daraus gemacht, das der vielgeschmähten Off-Szene ein gutes Stück künstlerischen Boden zurückgewinnen könnte.

Der beinharte römische Feldherr Titus kehrt siegreich nach Rom zurück. Gnadenlos läßt er den Erstgeborenen der besiegten Gotenkönigin Tamora als Götteropfer schlachten und macht sie selbst dem Kaiser Saturninus zum Geschenk. Falscher Schachzug blinder Siegeslaune, denn der junge Cäsar erliegt dem Liebeszauber des hochkarätigen Beutestücks. Unversehens zur Kaiserin geworden, kann Tamora nun ihre Rache genüßlich und eimerweise über Titus ausschütten.

Wie später „König Lear" fällt Titus aus der Höhe arroganter Macht in die Tiefe von Leid und Wahnsinn. Dabei hagelt es Leichenteile und regnet es Blut. Vor allem aber sprengt Shakespeare die Sprache mit perfidesten Zynismen. Er entlarvt diese menschliche Fähigkeit zu Wort und Sinn in ihrer ganzen Unangemessenheit neben jener anderen, auch menschlichen, der kalkulierten Grausamkeit. Wenn Titus angesichts der verstümmelten Arme seiner der Zunge (!) beraubten Tochter von Handlungsunfähigkeit zu stammeln anfängt, dann kommt einem Lachen und Brechreiz zugleich. Diese Momente, in denen die Tragödie so modern in die Farce umschlägt, arbeitet Stefan Bachmanns Inszenierung in hervorragender Schärfe heraus.

Während Lear das Tal des Wahnsinns zu humaner Einsicht durchschreitet, geht Titus, als Rädchen der Rachemaschine, darin verloren: Als für ihn der Moment der Rache kommt, bereitet er aus Tamoras Söhnen, die seine Tochter so übel geschändet haben, nach allen Regeln der Kochkunst „eine Knabenpastete". Die Mutter verzehrt sie mit dem „haut-gout" einer Kaiserin. Die Aufführung erzählt dlese Geschichte zwischen Revue, Slapstick und SoapOpera auf bemerkenswert eigene Weise, voll feinsinniger Anspielungen, mit komödiantischer Lust, drastisch, wo es sinnvoll ist, und ohne je ins Voyeuristische abzugleiten. Wenn das Grauen die Sprache übersteigt und sich in minutenlanger Aktionsstille äußert, wenn die Hetzjagd dieser „Wenn-alles-getan-ist-Bande" wie ein Jägermeister-Werbespot über die Bühne trippelt, sind das nicht „gute Einfälle" sondern wohlüberlegte Stilmittel. Dabei läßt Regisseur Bachmann seinen 13 Darstellern genügend Raum, ihre eigenen Wege zu entdecken.

Und wenn zu all dem noch ein bekannter blonder Volkssänger „auf zum fröhlichen Jagen" schmettert, dann gewinnt die Geschichte, ganz beiläufig, eine Aktualität, die mehr auf den Pansen schlägt als 10 Liter Theaterblut.

CHRISTOPH FREDERlK

Entfesseltes Kinderzimmer

„Tabernac" - ein Abend mit Meret Becker

Saisoneröffnung im Spiegelzelt:

„Tabernac" - ein Abend mit Meret Becker

TAZ, 18.03.93
Aus seinem Winterschlaf ist das Spiegelzelt an der freien Volksbühne erwacht. Zur Eröffnung der zweiten Saison präsentiert dort Holger Klotzbachs „Bar jeder Vernunft" Meret Becker. Im letzten Jahr war die Schauspielerin, Sängerin und Artistin im Nachtsalon zu sehen und erregte als „Neuentdeckung" der Berliner Szene Aufmerksamkeit. „Tabernac" heißt vieldeutigihr erstes eigenes Programm, das sie zusammen mit dem Autor und Schauspieler Tilman Lehnert dem Artisten Oliver Groszer unddem Komponisten und Hauspianisten des Spiegelpalastes, Rolf Hammermüller, bestreitet. In einer eigenwilligen Mischung aus Verhaltenheit und Groteske entführen die vier Künstler in eine Art entfesseltes Kinderzimmer, in dem der heilige Unernst regiert und das Kinderspiel sein Eigenleben entwickelt.

Wie eine ungezogene Kasperpuppe kommt Tilman Lehnert hereingetrollt. Mit wütigrotem Bart entfaltet er den Sinnsalat seiner „Dichtungspoesie" wie ein Bilderbuch. „Ich stinke", bellt er sein verarmtes, unspielerisch gewordenes Dasein an und lechzt nach „Verrückten, die ihn belüften."

Belüftung gibts genug: Da ist Olivier Groszer, Preisträger des „Cirque de Demain". Wie ein standhafter und zugleich verschlagener Zinnsoldat vollbringt der junge Jongleur kleine Wunder, läßt nicht nur Zigaretten quer durch die Manege in seine charmant lächelnden Mundwinkel tanzen, sondern schickt brennende Zündhölzer auf dem gleichen Weg hinterher.

Und da ist Meret Becker, zugleich zurückhaltende Mitspielerin und amosphärische Drahtzieherin des Abends. Wie eine eingerostete Spieldosenprinzessin kommt sie hereingewackelt, skuril und verschüchtert, und zwingt den Zuhörer in ihr farbenreiches Pianissimo. Und wo ihre Stimmbänder aufhören zu schwingen, schwingt immer noch ein rätselhaftes Lächeln: Unerhörte Seufzer - so ein Untertitel ihres Programms - die plötzlich Flügel bekommen. Denn wenn der Zuschauer schon fürchtet, dieses Wesen könnte beim nächsten Schritt über die silbernen Plateausohlen stolpern und das Timbre könnte in Krächzen umschlagen, entwickelt Meret Becker unerwartet große Stimme und große Attitüde, um sie allerdings genauso unvermutet wieder in der Spielkiste verschwinden zu lassen. ~

In Rolf Hammermüllers wacher und sensibler Begleitung finden die schabernakelhaften Kinderspiele eine angemessene musikalische Verdichtung, zwischen Ironie und Schmelz.

Und weil alles, was leben soll, erst sterben muß, stirbt Tilman Lehnert den Bühnentod, um wiederaufzuerstehen als Plüschdrachen namens „Tabernac" und aus der Asche aufzufIiegen an die Zirkuskuppel. Und zuguterletzt ist neben postmoderner Witzigkeit auch Platz für eine anrührende Zugabe: „Puff, der Wunderdrachen" singt Meret Becker. Und dieser wunderschöne Ausklang, mit dem sie ihre Spielzeugkiste wieder einpackt, treibt selbst dem hartgesottensten Wilmersdorfer Jung-Banker eine Träne ins Auge.

Ganz sicher nicht „ die große Show", ist Tabernac doch das reelle und charmante Debut einer vielversprechenden Künstlerin und ihrer Mitspieler. Das knapp eineinhalbstündige Programm kostet allerdings 30 DM und die Preise der Spiegelzelt-Gastronomie sind deftig.

CHRISTOPH FREDERIK .~ Termine siehe Theater-Seite

BECKETT'SCHE ANTIMATERIE

"Das ist Liebe", nach Becketts Endspiel im Garn-Theater

"Das ist Liebe", nach Becketts Endspiel im Garn-Theater

BECKETT'SCHE ANTIMATERIE,   NEUES DEUTSCHLAND, August 95

Er ist einer der dunkelsten, unzugänglichsten Schriftsteller des Jahrhunderts. Mit Romanen ohne Handlung und Stücken ohne Schauspieler wurde er zu einem der bekanntesten Dramatiker der Welt. Samuel Beckett, der Mann, der ein Stück schrieb, in dem zwei Landstreicher irgendwo auf irgendjemanden warten, der nie auftaucht. Mit „Warten auf Godot" beeinflußte Beckett das gesamte zeitgenössische Theater. Sein großes Thema ist die Gewohnheit als Schutzwall gegen das Unvorhersehbare. Die Langeweile als das kleinere Ubel des Daseins. Und er schaffte die „Quadratur des Kreises" das Nichtgeschehen umzusetzen in eine künstlerische Form. Becketts zweites Stück das 1957 uraufgeführte „Endspiel" ist zur Zeit in einer Fassung von Adolfo Assor unter dem Titel „Das ist Liebe" im Garn-Theater zu sehen.

Gibt es in „Warten auf Godot" noch Versatzstücke von Veränderung, einen Baum, der unvorhergesehen Blätter treibt, Personen, die kommen und gehen, einen Schauplatz - die Landstraße - der ein Woher und Wohin hat, ist in "Endspiel" davon nichts mehr übrig. Das Stück spielt in einem spärlich beleuchteten Raum. Hoch oben an der Decke gestatten-zwei Fenster einen Blick auf eine tote Außenwelt, ein unverändertes graues Licht fällt auf einen unbeweglichen, gezeitenlosen, bleiernen Ozean.

In der Mitte des Raumes sitzt in seinem Rollstuhl Hamm, blind, lahm, despotisch.
Sein Diener Clov, steifbeinig, unfähig, sich zu setzen, läuft herum und hält Ordnung, die Ordnung eines toten Raumes. Ab und zu klettert er zu den Fenstern hinauf, um in das Nichts hinauszublicken. Im Hintergrund verlöschen Hams Eltern in zwei Mülltonnen, nur noch halb vorhanden. Der Rest des Spiels sind Begriffe, Geschichten, durch die manchmal eine Art Sinn vagabundiert, den es in einer Vergangenheit irgendwann einmal gegeben haben könnte. Als Clov fragt, wozu er eigentich diene, antwortet Hamm: Als Replik.

Adolfo Assor, der mit seinen rätselhaften skurrilen Darstellungen kafkaesker Figuren in Berlin bekannt wurde, hat das Endspiel komprimiert. Die „Eltern" existieren bei ihm nur noch als fauliges Echo aus dem Grund rostiger Fäßchen. Mit dem Titel seiner Fassung, einem Satz aus Clovs Schlußmonolog, hat Assor das Paket des Endspiels enger geschnürt, das Ende des Spiels als Motto vorangestellt und gleichzeitig auf das aufmerksam gemacht, was in der Beckettschen Welt ausgeklammert wird: Emotion.

Andre Putzmann spielt Clov. Quälend verkrampft ist seine Sprache, eingesperrt in mundartliches Geknödel, das kaum Variationen zuläßt, ein permanentes Unterdrücken von Emotionen. Ein Weiden ohne Ausdruck und damit im Sinne Becketts umso treffender beschrieben.

„Je voller umso leerer", sagt Hamm. Ihn verkörpert Assor mit seiner Fülle witziger, scharfer, klarer Zwischentöne. Damit konterkariert er den „Mathematiker", den Schachspieler Hamm. Wenn er sich von Clov an die düsteren Wände des Kellertheaters schieben läßt und liebevoll die „alte Wand" anspricht, die ihn von der „anderen Hölle da draußen" trennt, wird Beckettsche Antimaterie spürbar. Ein rätselhafter Abend, dessen Wirksamkeit durch das faszinierende Ambiente des unterirdischen Garntheaters verstärkt wird.

CHRISTOPH FREDERIK ,               

Nächste Vorstellung: Montag, 2Z Uhr, GarnTheater, Katzbachstr. 19, Kreuzberg.

Shaw's Heartbreakhouse im Deutschen Theater

Anerkanntes Theaterblubbern

Shaw's Heartbreakhouse im Deutschen Theater

Anerkanntes Theaterblubbern

TAZ, Sommer 91
Es ist eine reizende Gesellschaft, die an einem blauen Septembertag im Haus des Kapitän Shotover am feinen Südrand von London zusammenfindet, eine Runde, die eine glänzende Talkshow bei Lea hinlegen würde. Sie ist alles, was denkenden Menschen (und Tazlesern) kostbar ist: äußerst unkonventionell, aufrichtig und human, höchst fortschrittlich, vorurteilslos, aufgeklärt und demokratisch. Lauter Menschen, die einen Weg gefunden haben, Kopf und Bauch in Einklang zu bringen - alle ein liebenswertes Bißchen verrückt.

Man hat sich vorgenommen, die entzückende junge Ellie vor dem größten Fehler ihres Lebens zu bewahren. Sie will aus Dankbarkeit den viel älteren Herrn Mangan heiraten, dem ihr Vater so viel, nämlich die Übernahme seines bankerotten Unternehmens, zu verdanken hat. Dieser Mangan ist ein Kapitalist übelsten Wassers und wird in entsprechendem Talk-showdown gehörig mit Offenheiten gezwiebelt. Man entblößt ihn, wie man sich selbst entblößt (denn, wie gesagt, Kopf und Bauch in Einklang zu trimmen, hat man gelernt), bis er selbst eingesteht, daß er eine Sau ist. »Aber«, sagt er verzweifelt angesichts solch frappanter Desillusionierungsbereitschaft: »Wie sollen wir denn Respekt vor uns selber haben, wenn wir nicht wenigtens vorgeben, besser zu sein.« Damit bringt dieser rechtschaffene Komödienmiesling eine sehr lebendige Fragestellung ein. Und Ellie, gerettet und desillusioniert, bringt nunmehr den Stil des Hauses auf einen Punkt: »Dieses dumme Haus, dieses seltsam glückliche Haus, dieses Haus ohne Reltung, ich nenne es Haus Herzenstod.«
Währendessen segelt 'Heartbreak-House' (es ist mir schleierhaft, warum in so hochkultureller Zeit von "Cats" und "Black Rider" ausgerechnet hier immer noch die Notlösung der Ubersetzung des Titels benutzt wird) in den Abend. Als Wohnstatt des urigen Kapitän Shotover ist es nämlich wie ein Schiff gebaut, und so bleibt dezent eine Symbolik am Rande der Komödie erkennbar. Sei es nun das Narrenschiff, sei es das Staatsschiff England, sei es (es ist nach Shaws genialem 60 Seiten Vorwort das »müßige verfeinerte Europa«), sei es auch das ganze Abendland - es treibt in den Abgrund. Das Jahr, in dem Shaw sein Meistenwerk begann, war 1913, der September, in dem er es spielen läßt, ist ein Jahr später! Bevor das Schiffshaus aufs offene Meer hinaussegelt, dröhnt es in der Ferne, und bald schon erleuchtet Bombenfeuerwerk festlich den Abend.

Unsere Talkshowrunde steht am Bug und bewundert das grandiose Schauspiel. (Ca. 20 Jahre später schließt Walter Benjamin einen seiner wichtisten Essays mit dem Bild von einer Menschheit, die ihre eigene Vernichtung als Genuß ersten Ranges erlebt).

Nur Herr Mangan, der sich in Opa Shotovers (für den Bau einer Overkillmaschine zur Erlösung der nichtsnutzigen Menschen angelegten) Dynamitgrube im Garten verkrochen hat, zerplatzt in der so verdoppelten Sprengkraft einer Bombe. Niemand weint ihm eine Träne nach, er ist als mächtiger Politikberater doch schuld an der Katastrophe. Er hat, im Unterschied zu den anderen, falsch gehandelt, denn er hat gehandelt. Die übrige Besatzung stellt enttäuscht fest, daß die Bomber sie verschont haben: :"Hoffentlich kommen sie morgen wieder", sagen sie, offen und aufgeklärt und herztöter als der tote Mangan.

Diese Komödie, zu der, wie Shaw augenzwinkernd vermerkt, ein gewisser Tschechow ein paar dramatische Vorstudien beigetragen habe, ist ein großartiges Stück und wohl deswegen so lange Zeit ungespielt (darin Tschechow nicht unähnlich), wird sicher bald dem deutschsprachigen Einheitsspielplan angehören. Zu Recht, beinahe schon etwas zu spät. Hoffentlich wird ihm irgendwann Gerechtgkeit widerfahren.

Das Bühnenbild von Peter Hein in den Kammerspielen ist ein hervorragender Ansatz. Geschickt und sinnlich macht es die Entwicklung von der Gesellschaftskomödie zum Alptraum deutlich. Herausragend gestalten Horst Riemer (Mangan) und Volkmar Kleinert (Ellies Vater) ihre Figuren zwischen Theaterlust und -kunst. Mit vereinzelten Höhepunkten schlagen sich auch alle anderen Darsteller wacker, aber die Aufführung bleibt irgendwo zwischen Steins »Drei Schwestern« und Friedo Solters »Kirschgarten« im anerkannten Theaterblubbern stecken. Denn alle Symbolik bleibt unnütz, wenn der von Shaw angelegte Boden knall-melan-komischer und aktueller Figuren, die glatt ein Thema für Woody Allen abgeben könnten, nicht beackert wird.

Der Betrachter ist bemüht, in Thomas Langhoffs Inszenierung Lebendigkeiten zu entdecken. Er wird stutzig angesichts der völligen Fehlbesetzung des kauzigen alten Shotover mit dem viei zu jungen Reimar Baur (Das Alter hat andere Eitelkeiten...) und ärgerlich, wenn aufgrund verpasster Strich-chancen das Publikum mit abgegriffen Kalauern auf die falsche Fährte gebracht wird.
Daß im - laut Programmheft - "bewußt im englischen Ursprungsmilieu belassenen" Haus Herzenstod dann noch eine Figur wie weiland Eliza Doolittles Vater herumbalinert ist eher fad und traurig. Schade, so ein tolles Stück... und deswegen trotz allem zu empfehlen

boule
- »Haus Herzenstod« von G.B. Shaw heute s um 19 Uhr in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

Den Tod totquatschen

Copis "Aids-geburtstag" im Studio Berlin

Aidsgeburtstag im Studio-Theater

Den Tod totquatschen

TAZ, 12.09.92
Der berühmte Schauspieler Cyrillus hat Geburtstag. Fräulein Bongo bringt ständig Pakete herein, seidene Morgenmäntel, Mutter hat sich für den Nachmittag angesagt. Hubert kommt, um mit dem Freund zu feiern, und eine alte Jugendliebe läßt sich partout nicht abwimmeln.

Aber was mit dem Türenschlagen Feydeau'scher Farcentechnik daher zu kommen scheint, ist nichts weniger, als leichte Kost, denn: Cyrill feiert in seinem Krankenzimmer den zweiten „Aidsgeburtstag" und vergiftet sich am Schluß. Fräulein Bongo, die Krankenschwester, schießt später im Opiumrausch das Zimmer kurz und klein. Hubert läßt für sein väterliches Idol ein Mausoleum bauen. Die Jugendliebe, eine alte, aus Pathos und Kadenzen zusammengeschusterte Diva, wird schließlich gehirnamputiert.

Das Ganze, als Gastspiel im Berliner Theater "Das Studio" zu sehen, ist ein Stück von Copi. Der Exilargentinier, Karikaturist und Autor, starb 1988 an Immunschwäche. Die nicht leichte Aufgabe, die Phantasmagorien dieses Weltbürgers auf deutschen Brettern zu inszenieren (Übersetzung: Klaus Völker), übernahm Volker Spengler. Er wurde vor allem bekannt als Darsteller in vielen Fassbinderfilmen. Mit Fassbinder arbeitete auch Peer Raben, der hier die Bühnenmusik geschrieben hat (Musikalische Leitung: Bettina Koch). Die bietet neben markerschütternden Trivialzitaten Marke Funkwerbung wundervolle Momente. Wenn sich das rauhe Timbre des ExTon-Steine-Scherben-Sängers Rio Reiser, der den Hubert gibt, am Schmelz der Sopranistin Robin Gooch reibt, entstehen Schwebungen, die heftigst ins Gemüt fahren. Gooch hinterläßt mit JeanClaude Mawila, der den Schulmedizinfetischisten Dr. Vertudeau mit 200 PS über die Bühne jagt, den stärksten Eindruck des Abends. Spengler wählte sich für dieses hart-zarte Panoptikum kein hochgezüchtetes, homogenes Sprechtheaterensemble. Bei dem Stoff durchaus akzeptabel, auch wenn darunter zuweilen die Verständlichkeit der Texte leiden muß.. Es kommt darauf an, d a ß geredet wird, in diesem schrägen, agressiven Totentanz, wobei offen bleibt, ob der Tod tot-gequatscht werden soll, oder ob er selbst dieses zynische Stimmengewirr entfesselt. Und da wird dann zuweilen auch gekalauert, daß „Alf" und die „Golden Girls" einpacken könnten.

Die Aufführung hämmert Bild- und Sprachexzesse hinaus wie eine Herz-Lungenmaschine und platzt vor Effekten aus allen Nähten. Großartigen Beitrag dazu leistet die Ausstattung von Astrid Reinhardt. Zwischen Tuntenbarock und Operationsschürze kleidet sie Bühne und Darsteller pink wie Himbeersorbet und grün wie erbrochene Leberpastete.

Ziemlich hart wird das tiefgründige Paradox des Aidsgeburtstags" angegangen aber Spengler schafft es auch, diesen Wirbel mit Momenten der Stille zu strukturieren. Wenn die Figuren wild durcheinanderbrabbeln, ist plötzlich große Einsamkeit um den Helden. Und wenn nach dem klinischen Tod sein Astralkörper als Marlene Dietrich noch einmal durch das Krankenzimmer huscht, verleiht Ludwig Boettger, durch die Travestie hindurch, seiner Figur plötzlich seltsam schlichte und kräftige Züge.

Eine eineinhalbstündige Aufführung, die ständig die Nervenenden guten Geschmacks überreizt und sicher nicht jedermanns Sache ist.

boule

Recycle or die

Hacki Ginda und David Tabatsky im Chamäleon

Recycle or die

Comedy mit Hacki Ginda und David Tabatsky im Chamäleon


NEUES DEUTSCHLAND, Oktober 93
Sie gehören zu den Spezies, die all die vielen Peinlichkeiten des _ Lebens, die wir so gerne unter den Tisch fallen lassen, aufsammeln und untersuchen, ob sich mit diesem Abfall nicht noch et
was anfangen läBt. Sie sind Komiker und in der Szene schon länger keine Unbekannten mehr.
Der eine, im rotglänzenden Smoking und mit der wackligen Grandezza eines Provinztalkmasters, ist David Tabatsky, Berliner aus New York, „Stand-up-comedian" (was bedeutet, daß
er öfter mal auf die Nase fällt) und als der „Mann mit den drei Kugeln" aus der Scheinbar bekannt. Der andere im unvermeidlichen schwarzen Fräck, geliehen natürlich, und mit einem Fettnäpfchenquotienten der Schuhgröße 48, ist - unverwechselbar - Hacki Ginda, der mit seinem liebevoll gestalteten, schragen „Heinzi" fast schon eine kleine Legende geschaffen hat.

Die beiden hardcore-Komödianten haben sich zutsammengetan, um das Publikum im Chamäleon zwei Stunden lang zu bombardieren, gnadenlos chaotisch und abstrus komisch mit ,,Recycle or die", einem Programm, das aus dem Ruder läuft wie ein wildgewordener Müllaster. Geht in den meisten Shows mal etwas daneben, ist es hier genau umgekehrt. Der Reiz liegt darin, daß manchmal auch etwas klappt. Doch kaum hat sich der Vorhang nach einigen Anläufen endlich widerborstig geöffnet stürzt auch schon das halbe Theater ein. Die Pleiten und Pannen sind Konzept, zumeist jedenfalls. Da werden die hintertückischsten Mißgeschicke und Banalitäten zu Lachbomben erster Güte recycelt. Es ist zum Jaulen komisch, wenn Hacki immer wieder versucht, irgendwelche Dinge in den Mund stecken - meistens sind es Weintrauben, die ihm dann im letzten Moment durch den Saal davonfliegen oder irgendwo aus einem Hosenbein herauspurzeln, während er verwundert räsoniert, wo sie denn geblieben sind.

Dabei ist eben nicht das, was ihm danebengeht, das Komische: „Recycle or die" besteht logischerweise, wie der Titel andeutet, aus einer Reihe immer wieder gern „verwerteter" alter „Nummern", und mit einer eindeutig verächtlichen Geste macht:Hacki klar, was er von dem Begriff „alte Nummer" hält. Eben nicht nur das, was ihm danebengeht, ist das Komische, sondern wie es passiert. In seiner unverwechselbaren Mischung aus Grobheit und Feingefühl recycelt er die hintertückischsten
Mißgeschicke und Banalitäten zu Lachbomben allererster Güte
Einer der Gipfelpunkte des Abends ist sein King-Kong, der nach erfolgreicher Wolkenkratzerbesteigung (David Tabatsk in der Rolle eines gequälten Empire-State-Buildings) aus Freude über die endlich gefangene kleine Dame in seiner Faust sich mit ebenderselben auf die Brust trommelt: das macht Platsch und aus ist's mit der Freude.
Und wenn er in einer bezaubernden Schwarzlicht-Nummer auf der Jagd nach seinem fliegenden Stock selber anfängt zu fIiegen, hat das neben dem artistischen Können fast expressionistische Poesie. Während Ginda mit seinem „Heehee" und „Hoho" fast ohne Sprache auskommt, Iiegen Witz und Poesie bei David Tabatsky oft in den beiläufigen Nebensätzen seiner hahnebüchenen Geschichten auf dem Grat zwischen Sentimentalem und rotzfrech Banalen. Daß er sie auf Englisch erzählt macht die Sache für einige Zuschauer zwar etwas schwieriger ;- aber die Pointen zünden dafür zuweilen auch furz-trockener, wenn er zum Beispiel erzählt, wie bei seinem ersten Jerusalem Besuch gerade in der Stadt gedreht wurde: „Jesus Christ Superstar, the Return".
Nicht alles an dem Abend trägt, manchmal verschwimmen die Grenzen von echten und gewollten Pannen, ein paar Proben mehr hätten nichts geschadet, aber der eigentliche Reiz liegt darin, wie die beiden im ständigen Kontakt mit dem Publikum ihre Drohungen wahrmachen: We promise to kill ourselves to make you laugh!
CHRISTOPH FREDERIK
Montags und Dienstags im Oktober, 20.30 Uhr, Chamäleon, Rosentbaler Str. 40.

Der Papst kann ja keine Kinder kriegen

Isabella Mamatis' "Das Erbe" bei den Stadthirschen

Der Papst kann ja keine Kinder kriegen...

TAZ, September 1991

… er kann auch die Schauspielerin diesen Satz nicht sagen hören.
Da hat er Pech gehabt. Ich hatte Glück. Isabella Mamatis' Regiedebut könnte mich zu der Annahme verleiten, das Theater sei guter Hoffnung.

Unter dem Titel "Das Erbe" hat die 'Ex-Stadthirschin' Mamatis (Co-Regie: Johannes Steinbrückner) eine herausragende Theaterarbeit produziert. In einer Vielzahl sich verschränkender Bilder spürt das Stück der uralten Existenzfrage Frau-Mutter-Frau nach und, das sei vorweg gesagt, verdichtet sich zu einem Kaleidoskop, das weit über den Bauchnabel zu kurz gegriffener Tip-Kritik* hinausreicht.

Dabei ist das Ausgansmaterial recht einfach gegledert. Eine klare Raumkonzeption (Licht/Bühne: Ulrich Schneider) macht die Unausweichlichken des Erbes deutlich: Ein großer weißer Raum ouf der Spielfläche zwischen den Zuschrauerpodesten sind mit zwei Lehnstühlen feste Positionen markiert. Das sind die entschiedenen Plätze der alten Frau (Inka KöhlerRechnitz), die längst schon Mutter ist, und der jungen Frau (Stella Valentin), die gerade Mutter wird. Der dritte Stuhl ist eine Art Klavierhocker. Er ist der Spielstuhl, mit ihm können die Töchterfrauen und Rivalinnenschwestern verschiedene Positionen zum schwierigen Erbe einnehmen. Wie ouf einem Mühle-Brett bleiben sie dabei doch immer im Spannungsfeld von 'Mutter-haben, -werden, -sein '. In diesem Feld vollzieht sich das ironisierte Hohelied von Urmutter Gaja. Hier hören die putzig-archaischen, ungezogenen Küken die Geschichte vom Ei, von Schlangen im Bauch und von Initiationsritualen, - die seltsam fremde und plötziche Geschichte vom Erwachsenwerden-sollen. Eine Figuration, deren Auflehnung über ein halbherzig angewidertes »Igit«: hinausgeht, tritt an dieser Stelle trefflich hervor: Medea, die ihr Muttersein gewaltsam zurückzunehmen versucht, um Identität zu finden.

Im zweiten Teil tauchen Medearudimente dann auch wieder auf, unter dem modischen Damenmäntelchen verdeckt. Inzwischen sind dis Küken zu Weibsbildern von heute geworden. Die Geschichten, dis sie erzählen, entwickeln sich aus Satzfetzen, Telefondialogen, Ermahnungen und Bekenntnissen. Sprachliche und gestischs Stereotypen werden übereinandergelagert, gegeneinandergesetzt und geben so verborgenen Witz und Aberwitz frei, und Erbe.
Noch die Minimalgeste entspricht, wie aus einem Botticelli herausgesprungen dem Thema Venus - Madonna.

Der Untertitel 'Eine theatralische Komposition' ~ trifft den Vorgang sehr genau. Das Stück setzt sich in den Köpfen def Zuschauer zusammen. Dabei ist das alles in einer klugen Mischung von Trauer und Heiterksit anschaulich gemacht und bei aller Fülle nicht ermüdend. Das Konzept geht auf, weil die hohen darstellerischen Leistungen, die virtuose Ausübung des Theaterhandwerks nur den Boden für die Musikalität bildet. Daß die Darstellerinnen bei aller Prasenz auf das entstehende Bild hinhören, gibt dem Stück seine unprätentiöse Wichtigkeit. Inka Kähler-Rechnitz, die älteste Darstellerin, ist in ihrer Gelassenheit zuweilen die jüngste, heiterste. Ihr Fazit verkauft keine Losungs außer: "Komisch..., komisch."

- Weil hier keine selbsternannten Spezialistinnen mit vermeintlicher Direktleitung zur Urmutter herumfrauwerken, verliert sich - . (bei normoler Schleimhautlunktion) der 'geschlechtsspezifische Beigeschmack' des Themas sofort. Er macht dern Geschmack eines guten Theaterabends Platz. -

boule –

»Das Erbe« noch bis zum Sonntag jeweils um 21 Uhr im Zan Pollo Theater (Foto: David Balzer).

Zauberhaftes Mitternachtsgesöff

Theater im Depot, Recklinghausen

Zauberhaftes Mitternachtsgesöff im Theater im Depot

Der satan-archäolügenialkohöllische Wunschpunsch in Recklinghausen

NEUES DEUTSCHLAND, 30.12.91


Dies Gesöff hat es in sich. Am Sylvesterabend erfüllt es jeden Wunsch sofort - verkehrt herum: Segenswünsche führen in die Katastrophe. Erst nach dem ersten Mitternachtsglockenschlag verliert die Brühe ihre fatale Umkehrwirkung. Danach Gewünschtes führt sie treulich aus. Laborzauberer Irrwitzer und seine Tante, die Geldhexe, sind in einer verteufelten Lage. Die Bilanz ihrer schlechten Taten nähert sich dem Nullwachstum. Maledictus Made, höllischer Gerichtsvollzieher, hat ihnen die Liquidierung angedroht, wenn sie bis Mitternacht ihr schlimmes Soll nicht erreichen. Der Punsch soll sie nun mit ein paar „guten Wünschen" schlagartig sanieren. Doch bevor sie die Welt dergestalt zur Hölle schicken, ~ gelingt es dem Raben Krakel und dem Kater Maurizio, den Sylvesterheiligen zu einer kleinen Ordnungswidrigkeit zu verleiten. Mit seiner Erlaubnis können diese beiden Undercover-Agenten der Tierheit einen vorverlegten Mitternachtsglockenton in den Punsch schmuggeln und seine Umkehrwirkung heimlich ausschalten: Die höllisch guten Wünsche gehen nun tatsächlich segensreich in Erfüllung.

In Hansgünther Heymes Ruhrfestspielfiliale „Theater im Depot" war die vertrackte Zauberposse in einer Inszenierung zu sehen, die durch hellsichtige Analyse bestach und mit zweckmäßigem Gebrauch theatralischer Erzählweisen faszinierte. Den Heart-Beat dieses Spektakels schlug die Musik von Lu Hübsch. Mit entfesselter Tuba und Schlagzeug zugleich ließ sein Einmannorchester nicht nur Türen knarren und Ohrfeigen knallen, sondern verhalf zwischen Rap und Chanson auch Endes etwas schlicht geratenen Songtexten auf die Sprünge. Damit wurde er zum poetischen Mitspieler in dieser turbulenten Aufführung, die rüdes Kasper-Brettl, partiturgenauen Slapstick und Musicalparodie verband und besonders Thomas Stache und Günter Groß, den Darstellern des tierischen Agentenduos, ein Feuerwerk artistischer Präzision abverlangte. Da kam die Geldhexe, von Karin Romig mit anrührender Kompetenz dargestellt, so gar nicht tantenhaft daher, sondern bittersüß wie die Piaf und mit MonroeSchwung eher obszön durchs Dach gehüftwackelt, getreu dem Motto: Geld macht geil. Der maledicte Höllenbote blendete sich gar hintersinnig in die feierliche Sylvestermiene des Fernsehbundeskanzlers ein, und Sankt Sylvester war hackevoll bis an die Mitra, logisch! Claus Iffländer überzeugte in dieser Doppelrolle souverän sparsam. Weil die Inszenierung die Zauberposse kinderlogisch ernst nahm, blieben ihre Elemente bei aller Fabulierlust nicht im Ungefähren stecken, sondern waren Pro-vokationen im besten Wortsinn. Zuweilen riefen sie erstaunlich scharfsinnige Bezüge zur Realwelt hervor. So war der Theaterraum, in dem das irrwitzige Laboratorium als Kasperguckkasten stand, ganz unverblümt mit großflächigen Werbeplakaten ausgekleistert. Die genaue Trefflichkeit dieser Konzeption erleuchtete sich spätestens, wenn Irrwitzer (mit überhirnigem Eierkopf:Michael Krone) seinen Umkehrpunsch anrührte: Mit viel Weis(s)machern und Weichspüler. Jeder kennt die sanfte Stimme des Gewissens und das Dilemma zwischen der Hölle eines kratzigen Kinderhemdchens und der des Badeverbots in verseuchten Gewässern. Da genau spiegelt sich der Angelpunkt des Wunschpunsch-Märchens, in der Zweischneidigkeit gutgemeinter Menschenwünsche. Und wenn der heilige Silvester die Hörner des Maledictus unter seiner Mitra trägt, ist das nicht vordergründige Blasphemie, sondern kinderleicht zu verstehen. Seine Gefilde sind jenseits von Gut und Böse.
Daß sie Grundwidersprüche des Menschenwesens eben nicht wegmärchenonkelte und den Erwachsenen keinen Vorsprung einräumte, machte diese Auflührung so spannend.
Dabei wurde die Utopie nicht ausgesperrt, sondern sorgfältig gewissermaßen in Kinderhand gelegt: Der Glockenton, der die Katastrophe verhindert, war ein kleiner blauer Gummiball. Jedes Kind weiß, wie toll unberechenbar man so einen „Flummi" herumflitzen lassen kann - und wie schwer es ist, ihn in ein Ziel zu bringen.

Zusammen mit der Ausstatterin Ruth Groß hatte das Regieteam Barbara Mundel und Veit Volkert eine krachbunte Inszenierung in Gang gesetzt, die auf wohltuend solidem Boden stand: Es kommt weniger darauf an, tolle Ideen zu haben, als darauf, die richtigen auszuwählen.
CHRISTOPH FREDERIK

IN BERLIN UNTER DEN LINDEN

Sommerfestivitäten in Berlin Mitte

In Berlin unter den Linden

Sommerfestivitäten in Berlin Mitte

In kühnen Loopings toben die Schwalben am Sommerabendhimmel. Wenn sie derzeit auf Berlin-Mitte herunterblicken, könnte ihnen eventuell schwindelig werden, denn hier toben drei Berliner Sommerfeste auf einmal: Vor dem Palast der Republik dröhnen die PA-Anlagen des Lindenfestes, und auf seiner düster verwaisten Glasfront tanzt der Widerschein von abertausend bunten Lichtern. In den Round-ups läßt man sich ausgelassen quiekend Softeis und saure Gurke nocheinmal richtig im Magen aufschäumen oder reist gemächlich durch die Dunstwolken von gebrannten Mandeln hinauf zu sommerlichen Hochgefühlen.

Wer kennt es nicht, das kleine gallische Dorf, durch einen Zaubertrank berühmt geworden, das seine Guerillasiege in nächtlichen Wildschweinexzessen zu feiern pflegt. Man glaubt es unter sich zu sehen, wenn man von der Gondel auf den Lustgarten hinüberblickt. Vor der mächtigen Domkulisse haben sich die Anhänger der Mittelalterszene in einem palisadenumzäunten Marktflecken zum großen „Mittelalterspektakel" eingefunden. Veranstaltet von der Gruppe „Spektakulatius", und zum zweiten Mal in Berlin. Aus ganz Europa sind sie angereist, die Handwerker und Spielleute, Quacksalber, Kartenleger, Ritter, Rösser und Bettler.

Weil Werbeagenturen und die Labels von Zigarettenkonzernen vor 600 Jahren noch weitgehend unbekannt waren, finanziert sich das Spektakel vor allem aus Eigenmitteln bzw. dem Marktzoll (8 DM), der an den Stadttoren erhoben wird. Wer ihn entrichtet hat, darf passieren und sich dem Anschein vergangener Zeiten hingeben. Vor allem wird ihm die Abenddämmerung helfen, den Maßstab des kritischen Puristen aus der Hand zu legen und ein Auge zuzudrücken. Im Schein von Fackel und Schmiedefeuer verschwimmt die Sommerschlußverkaufs-Buntheit ebenso wie manch ein Reißverschluß auf der Rückseite von Marketenderin und Kreuzritter.

Mittwochs und samstags gibt es, bei knapp doppeltem Marktzoll, die Aufführung der „Finsteren Nacht" zu sehen. Da wird mit großem Aufwand an Statisten ein Hexenprozeß gemacht, sicherlich nicht jedermans Geschmack, aber glücklicherweise wird die PrenzelbergPunkie-Hexe von edlen Rittern doch noch aus dem Grill befreit. Auch die Pestopfer dürfen von ihren Leichenkarren wiederauferstehen und sich die Asche von den Brillengläsern putzen.

Es sind weniger diese mit Elan vorgeführten Inszenierungen, aIs die Marginalien, in denen dann doch kleine Zeitsprünge wirklich werden: Der Brandgeruch, der sich allenthalben in Stroh und Sackleinwand verfängt, das fremde Dröhnen von Sackpfeife und Trommel, die Schicht aus Kot und Stroh auf den Wegen. Auf einer Stange sitzt ein immenser Kolkrabe, finster und majestätisch wie vor Jahrhunderten, als er noch nicht vom Aussterben bedroht war. Esel schreien ohne Anstand und Ziegen stinken in gleicher Manier vor sich hin. Nicht in der Darstellung mittelalterlicher „Räudigkeit", sondern in dem ganz einfach aufmerksamen Blick, den ein stattlicher ,,Schmiedepursche" seinem glühenden Werkstück widmet, ereignen sich Momente seltsamer Zeitverlorenheit.

Wer noch Geld im Beutel hat, kann sich an den Buden der Zunftmeister schöne und interessante Dinge kaufen: lederne Masken, Schnabelschuhe, Musikinstrumente oder gar die sagenumwobenen, Jahrtausende aIten „Rosen von Jericho".
Er kann seine Taler auch zu Met verflüssigen und sich anschließend in einem veritablen Badehaus aufnüchtern lassen.

Wenn über den Köpfen des „Pöbels" riesige Lichtfinger den Himmel abtasten, sind das weder apokalyptische Warnungen noch Flakfeuer, sondern Laserstrahlen, die vom dritten Mitte-Fest zum Himnel geschickt werden.
Keine dreihundert Meter weiter findet, um die Neue Wache herum, das traditionelle Berliner Gauklerfest statt.
Trotz des altertümelnden Namens präsentiert es sich ganz im Hightech-Commercial-Gewand.
Es hat seine Geburtsstätte am Los-Angeles-Platz verlassen und verbreitet „Upper-KuDamm"-Flair im Kastanienwäldchen. Hier ist, unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters, der Eintritt frei, aber dafür regieren auf jedem Sonnenschirm die Labels der Sponsoren. Lachs und Champagner ist angesagt, Lightshow-Power vom Feinsten, und in einem gläsernen Ü-Wagen läßt sich ein bekannter Wilmersdorfer Sender beim Senden auf die Regler schauen.

Vor allem gibt es aber zum Nulltarif mittel- bis hochkarätiges Unterhaltungsvergnügen: Straßenclowns, Varietekünstler und, auf der Open-Air-Bühne, so namhafte Stars wie Lydie Auvray.

Heimlicher König des Festes ist wohl, stimm-, watt-, und entertaingewaltig Alex, der seine Piano-Bar vor das GorkiTheater verlegt hat. Bis um zwei Uhr morgens geht hier die hauptstädtische Post ab.

Wenn der letzte Tropfen Champagner geleert ist, schlafen auch die Schwalben in den Nischen der Domkuppel und träumen ihren Sommernachtstraum.

CHRISTOPH FREDERIK, NEUES DEUTSCHLAND, August 92

Das Lindenfest endete am 11. August, das Mittelalterspektakel und das Gauklerfest sind noch bis zum 25. August aufgebaut.

Falsche Küsse am falschen Ort

Cechovs "Onkel Vanja" in der Tribüne

Cechovs "Onkel Vanja" (Tribühne, Berlin)

Falsche Küsse am falschen Ort


NEUES DEUTSCHLAND, Oktober 91
Daß das Leben dumm, dreckig und langweilig sei, läßt Cechov den Arzt Astrov gleich zu Beginn des Stückes sagen und bezeichnet damit das Hauptleiden, um das diese „Szenen eines Landlebens" kreisen: Die große Leere, die sich zwischen einer sinnlosen Vergangenheit und einer hofinungslosen Zukunft auftut, wenn das Leuchtfeuer des Ideals am Horizont erloschen ist.

Bequem lebt der berühmte Professor Serebrjakov von den Erträgen eines Landgutes, das seine verstorbene Frau ihm hinterlassen hat, und auf dem sich seine Tochter Sonja und Onkel Vanja, der Bruder seiner ersten Frau abrackern. Als er pensioniert wird, zieht er notgedrungen auf das Gut. Bald erkennt Vanja, daß der Mann, für den er geschuftet hat, ein hohler, eitler Phrasendrescher ist, der über Dinge doziert, die er nicht begreift und die niemanden interessieren.

Zudem hat er sich in die schöne Jelena, die viel jüngere zweite Frau des Professors, verliebt. Als Serebrjakov, dem das Landleben gar nicht schmeckt, in seiner dummdreisten Verblasenheit das Gut verkaufen will; schlägt Vanjas Enttäuschung in Haß um. Er schießt auf den Professor, er verfehlt ihn zweimal, man versöhnt sich, und Serebrjakov zieht mit Jelena in die Stadt zurück.

Nun wird alles weitergehen wie bisher, nur eben ohne den Glanz von Ziel und Sinn. Auch für Sonja, deren Liebe zu dem Arzt Astrov sich in der Gegenwart Jelenas als völlig sinnlos erwiesen hat. In ihrem Schlußmonolog blickt sie voraus auf eine „lange Reihe von langen Abenden" und schließlich das Jenseits, in dem sie „endlich ausruhen" werden.

Mit „Onkel Vanja", 1899 vom Moskauer Künstlertheater uraufgeführt, eröffnete die ,Tribüne" die neue Spielzeit. Für ein kleineres Theater ist dieses personenreiche und schwierige Stück ein mutiges Unternehmen. Die Inszenierung von Rainer Behrend, deren gute Ansätze immer wieder zu erkennen sind, bietet zuweilen herrliche Theatermomente, greift aber manchmal auch schmerzhaft daneben. Folker Ansorge, fast schon ein Spezialist für vergilbte Patina, die auf der Kippe zwischen Künstlichkeit und Realismus schillert, schuf ein schräges Bühnenbild. Die Inszenierungsabsicht betont den schrägen Blickwinkel Cechovs, mit dem er aus der ebenso banalen wie pathetischen Alltagsrealität die absurden Risse herausleuchtet. Das wird deutlich, wenn Aspekte der Figuren in einem abstrusen Verkleidungsspiel aufblitze, wie bei einem Stummfilmcomical unter Freud'scher Regie, wenn sich ein Schluchzen, ein Seufzen, ein „Ah" und ein „Oh" in einem Hörspielintermezzo gegenseitig kommentieren, oder wenn Mutters Lorgnon wie ein UhrenpendeI die Dauer peinlichen Schweigens markiert.
Aber dann geht es mit den Theaterpferden durch, wenn zum Beispiel die Amme „mein Kleiner" sagt und dabei dem vier Köpfe größeren Professor den Arm um die Schulter zu legen versucht.
Das führt in die falsche Richtung. Ebenso wie falsche Küsse am falschen Ort. Man hat das Gefühl, daß die Aufführumg sich selbst nicht vertraut. So ist auch der Schlußmonolog durch unnötig viel Aktionismus unterbrochen, mögicherweise aus Angst vor Sentimentalität. Dieser Schluß geht beinahe nach hinten los denn die Unruhe verlangt von der Darsteilerin mehr Kraft als der schlichten Schönheit dieses Textes angemessen ist. Daß er nicht kippt, ist wohl der Begabung von Konstanze Proebster zu verdanken. Ihr gelingt die überzeugendste darstellerische Leistung in einem Ensemble, das in schauspielerischer Auffassung und Kompetenz nicht homogen genug ist, um dem gesteckten Ziel gerecht zu werden. Auch hier schwankt die Aufführung zwischenWohltönerei, Baliner Volkstheater, ergreifender Einfachheit (Horst Pönichen)und redlichem Bemühen um die Figur (Horst Schultheis als Vanja) hin und her:
Dieses tiefgründige und feinnervige Stück stellt hohe Anforderungen, die hier nicht eingelöst werden konnten. Aber den Versuch war es wert.
CHRISTOPH FREDERIK
Nächste Vorstellungen bis zum 19. September dienstags bis samstags um 20 Uhr.
Die Tribüne ist in der Otto-Suhr-Allee 18 in Charlottenburg, Tel. 34126 00.

Die Musi kommt. Wirklich!

Karibische "Heimatklänge" im Tempodrom

Karibische "Heimatklänge" mit Victor Roque y La Gran Manzana im Tempodrom

Die Musi kommt. Wirklich!

NEUES DEUTSCHLAND, 28.8.92
Während unzählige Berliner die Stadt in alle Himmelsrichtungen verlassen haben, gibt es für mich keinen besseren Grund hier zu bleiben: Sommer in Berlin, die Stadt läuft zur Hochform auf und entwickelt ihre prächtigsten Blüten. Eine der schönsten ist seit einigen Jahren das „Heimatklänge-Festival der urbanen VoLx & TanzMusik". 1988 wurde es für das Programm „Berlin Kulturhauptstadt Europas" vom Tempodrom konzipiert und durchgeführt. Mit diesem Konzept hat die Tempodrom-Chefin Irene Moessinger einen Volltreffer gelandet. Mittlerweile hat sich „Heimatklänge" zu einem anerkannten WorldMusic-Festival gemausert, das in diesem Jahr zum ersten Mal in Zusammenarbeit mit anderen Festivals auch auf Tour gehen wird.

„Carnevale Caribe" ist das diesjährige Thema, natürlich auch zu verstehen als ein Alternativangebot zum umstrittenen Kolumbusfeierjahr. Am Mittwoch startete als einer der Höhepunkte der Saison ein mehrtätiges Gastspiel von Victor Roque und seiner Combo „La Gran Manzana" - The Big Apple - meint New York, die Stadt, in der er lebt und, wie die meisten der bekannten Latin-Musiker, seine Musik produziert. Seine Heimat ist die Dominikanische Republik. In St. Domingo schlägt sein Beat: Merengue - das ist dieser unwiderstehliche ZweiviertelRhythmus, der nicht nur zwischen Trinidad, Teneriffe und Detroit die Konzerte zu Fiestas werden läßt, sondern auch dem Berliner Premierenpublikum Beine machte. „Merengue kann mit jeder Musik
der Welt gemixt werden", erklärt Roque dem Publikum, schnippt mit dem Finger und zum Beweis fetzt La Gran Manzana mit „twist and shout", Reggae und dem RAP der nordamerikanischen Metropolen ab - im Merengue-Rhythmus. Dabei begeistert nicht allein die gnadenlose, oder besser: begnadete Power und Körperlichkeit dieser Musik. Frappierend ist die leichtfüßige Professionalität, mit der die 14köpfige Gruppe sie gestaltet, wenn zum Beispiel der Bläsersatz seine Riffs bei dem rasenden Tempo trotzdem noch in gestochen scharfen Triolen abschießt. Mit Grausen denkt man bei solchen Musikereignissen an das vierschrötige bajuvarische Gehopse, das sich hierzulande Volksmusi schimpft.

„Heimatklänge" ermöglicht, daß man mitten in Berlin hochkarätige und authentische Musik aus anderen Weltgegenden hören kann. Aber nicht nur das. Die vielzitierte multikulturelle Toleranz Berlins hat hier für ein paar Stunden ein echtes Forum. Denn natürlich ist dieses Fest auch ein Fest für die, aus deren Heimat die Musik kommt und deren Lebensgefühl die lauen Sommernächte auf dem Tempodrom-Gelände bereichert. Und das ist in diesen Zeiten unheimlich wohltuend. So bekam auch für die von einem Gastspiel in Puerto Rico nach Berlin eingeflogene Combo die Tempodrompremiere einen heimatlichen Klang. Sehnsüchtig erwartet wurde sie von einer ausgelassenen Menge Berliner Dominikaner, Columbianer, Jamaikaner, die die Aufforderung „baila, baila!" charmant in karibische Lebensfreude umsetzten, bis in der zweiten Hälfte des Konzerts das ganze Publikum vom Merengue elektrisiert war. „Heimatklänge" ist natürlich wie immer nicht nur „draußen", sondern auch „umsonst". Ein Geschenk, das wirklich eines ist! Nix wie hin!

CHRISTOPH FREDERIK
Die Fiestas mit Victor Roque y La Gran Manzana finden noch am Freitag und Samstag jeweils um 21.30 Uhr, am Sonntag um 16 Uhr statt. Radioübertragungen: in Radio 4J Freitags 22-24 Uhr, Radio Brandenburg mittwochs und freitags 10.20-12- Uhr und sonntags 19.05-20 Uhr, SFB2 sonntags 19 05-22 Uhr.

Medianoche Amoureux

Michel Tournier im Literaturhaus Berlin

Michel Tournier im Literaturhaus Berlin

Medianoche Amoureux


TAZ, 13.10.89
Er lädt zur Medianoche Amoureux - nicht in das Kloster Chaisel bei Paris, in dem er lebt sondern ins Literaturhaus in der Fasanenstraße. Michel Tournier besucht Berlin. Anläßlich der Frankhurter Buchmesse liest er aus seinem neuesten Werk. Tournier jst Preisträger der Academie Francaise und Mitglied der Academie Goncourt und gehört zu den bekanntesten Autoren der französischen Gegenwartsliteratur. ,Le Medianoche Amoureux' ist eine Art Tausend-und-eine-Nacht der heutigen Zeit. Bedroht ist diesmal aber nicht das Leben der Erzählerin, sondern die gemeinsame Zukunft des zuhörenden Paares. ,L'amour'- einfach ist es mit der Liebe für Tourniers Figuren nie. Sie sind alle mindestens verrückt, daneben eben, das aber mit absoluter Konsequenz. Sie sehen sich vor eine andere Wirklichkeit gestellt als die ,normale', sind Außenseiter, Groteske, wenn nicht Kriminelle. Tournier gelingt es, ihrer Wirklichkeit eine so bestechende Logik zu geben daß der Leser sich in ihr verfängt und das ,Normale' sich aufzulösen beginnt. Zu seinen in Deutschland bekanntesten Figuren gehören der düstere Abel Tiffauge aus dem ,Erlkönig' (1970), der in der Einsamkeit des Pazifischen Ozeans seiner Besessenheit ausgelieferte Robinson ('Freitag oder Im Schloß des Pazifik', 1967) und Paul aus den 'Zwillingssternen' (1975), der von brennender Sehnsucht getrieben unerbittIich seiner anderen Hälfte nachjagt. Von seiner Leidenschaft besessen ist auch ,Der Fetischist', der vor kurzem in Berlin die deutsche Erstaufführung hatte. 'Le Medianoche Amoureux', ein 'amouröses Mitternachtsmahl', ist auch die Lesung (weitgehend in Deutsch) von Michel Tournier um 20 Uhr tm Literaturhaus betitelt. Von welchen Leidenschaften läßt Tournier seine Zuhörer diesmal kosten...'

boule

Strindbergsches Kampfmuster

David Mamets "Oleanna" im Ratibor-Theater

David Mamets "Oleanna" im Ratibor-Theater, Berlin

Strindbergsches Kampfmuster


NEUES DEUTSCHLAND, 8.9.94
Wenn das Spiel zu Ende ist, liegen beide Protagonisten am Boden, verwundet, zerbrochen bei dem Versuch, kompatibel zu sein, zu antworten, ohne verantwortlich zu sein. Was sich davor abgespielt hat, gleicht dem Strindbergschen Kampfmuster, in die Zeit des Telebanking versetzt.

Mit „Oleanna" legt der amerikanische Film-und Theaterautor David Mamet Lunte an verdeckte Sprengsätze im Grabenkampf zwischen den Geschlechtern. Das Stück, 1992 in Amerika uraufgeführt, wurde schnell zum Renner auf den europäischen Bühnen und löste erbitterte Kommentare auf beiden Seiten aus. In Berlin steht es seit dem Frühjahr in der Inszenierung von Johanna Schall auf dem Spielplan des DT. In einer sparsamen und dichten Inszenierung des Hedda Krause Theaters ist es jetzt außerdem in der „Offszene" zu sehen.

Carol findet sich nicht zurecht im Unibetrieb. Sie hat Defizite, sie versteht nur Bahnhof, sie sucht eindeutige Antworten, sie sucht Hierarchie. Ihre Seminararbeit ist ungenügend. Dabei hat sie „doch immer alles mitgeschrieben". Sie braucht den Schein. Wimmernd, flehend, schwer verwirrt steht sie im Büro ihres Dozenten.

Der fühlt sich durch soviel (weibliche) Schutzlosigkeit herausgefordert. Als Pädagoge, als „väterlicher Kumpel". John wird vertraulich, liberal; sozial, ungemein jovial. Beruhigend Iegt er Carol die Hand auf die Schulter. Er bietet ihr privaten Förderungsunterricht an. Sie solle mehr auf ihr eigenes Denken vertrauen, ihre dämlichen Notizen beiseite legen. Er würde sie auf eine Bestnote bringen. Er sonnt sich in Tiraden über das unnütze Bildungssystem: Die Studenten sollten das Studium nicht so ernst nehmen. Er will die „institutionalisierten Zwänge" auflösen, von denen er aber recht gut lebt: Seine Beförderung zum ordentlichen Professor steht vor der Tür.

Seine Eitelkeit wird ihm zum Verhängnis: Als Carol das nächste Mal zu ihm kommt, ist sie verändert. Schlagworte wie „paternales Prärogativ" gehen ihr anscheinend mühelos über die Lippen. Mit (fast) unerschütterlicher Sicherheit bringt sie John zu Fall, im Namen einer ominösen Gruppe. In einer Liste seiner sexistischen Verfehlungen hat sie seine Berufung zur Professur verhindern können. Schließlich wird es auch noch zu einem Prozeß wegen versuchter Vergewaltigung kommen. Es sei denn, John erklärt sich bereit, eine Indexliste zu unterschreiben, auf der unter anderem sein eigenes Werk als untragbar und unverantwortlich anprangern soll. Als John von der Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung erfährt, dreht er durch. So erweist er sich fatalerweise schließlich doch als sexistischer Angreifer. Unter wüsten Beschimpfungen schlägt er Carol zusammen. Sie spricht das Schlußwort: Einer leidet immer.

Mamets Stück ist eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Versagen von Kommunikation. Es läßt keinen Kompromiß zu, es zwingt in Standpunkte hinein, ohne einem von ihnen den Vorzug zu geben.

Unter der gewissenhaften Regie von Andreas Roos gelingt es Saskia von Winterfeld und Mathis Schrader, ihre Figuren in einem Hochspannungsgefüge von Emotion und Analyse zu halten, ohne sich auf Klischees auszuruhen. Dadurch wird die eigentliche Stoßrichtung des Stückes herausgearbeitet. „Political Correctness" wird entlarvt als der Versuch, die Selbstverantwortung quantifizierbar zu machen, ein Kommunikationssystem zu etablieren, das das „menschliche Versagen" nonverbaler Mitteilungsversuche eliminiert und damit schließlich den Status quo intitutionalisierter Machtverhältnisse zementiert.

Gespenstisch läßt Andreas Roos am Schluß der Aufführung einen Miniaturroboter im Halbdunkel aufmarschieren: Dessen „Selbst"sicherheit gründet sich auf die Hierarchie seines Software-Menüs.

CHRISTOPH FREDER1CK

Weitere Vorstellungen: Freitag bis Sonntag. 20 Uhr, Cuvrystr. 20, Kreuzberg.

Kleinkunstabend in flachem Fahrwasser

Die "Penny Arcade Sex and Censorship Show" in der Ufa-Fabrik

Die "Penny Arcade Sex and Censorship Show" in der Ufa-Fabrik

Kleinkunstabend in flachem Fahrwasser


NEUES DEUTSCHLAND, 4.August 1994
Ende der 80er Jahre versuchte ein erzreaktionärer US-Senator Einfluß auf das „NationalEndowment for the Arts" (NEA), die staatliche Kulturstiftung der USA zu nehmen: Fortan solle sie keine Künstler mehr fördern, deren Werke (homo-)sexuelle Inhalte zeigten. Unterstützt wurde er dabei von einem großen Zigarettenkonzern. Mit seinem Versuch, den erigierten Penis aus der Kunst zu verbannen erlangte Senator Jesse Helms aus North-Carolina Weltberühmtheit, der Zigarettenkonzern erreichte einen weltweiten Boykott seiner Marken und die „schwule Internationale" einen kleinen Triumph der Konsumverweigerung.

Eine Stipendiatin des NEA ist Susana Ventura. Ihr Künstlername ist Penny Arcade und sie kann, seit sie 1985 als „Soloperformerin" begann, auf beachtliche Erfolge zurückblicken. In. New York zählt sie zu den bekanntesten Künstlerinnen ihres Fachs. Unter anderem waren ihre Arbeiten immer wieder im - ehemals - legendären La-Mama-Theater zu sehen. In Berlin präsentiert nun die Ufa Fabrik die »Penny Arcade Sex and Censorship- Show", ein Programm über „Sexualität in Amerika in den - 90er Jahren", das 1990 in New York herauskam. Penny Arcade tourte damit um den Globus und hatte unter anderem bei den Wiener Festwochen '94 „umjubelte Auftritte" (Presse- info).
Daß sich in Berlin nicht unbedingt Jubel einstellen will mag auch an der lähmenden Hitze liegen, die so heftig über der Stadt brütet. Vor allem aber liegt es daran, daß das Programm formal und inhaltlich zwar nett und zuweilen auch sehr kurzweilig ist, aber eben im flachen Fahrwasser eines gutgemeinten Klein-kunstabends bleibt, der im übrigen in den vergangenen 4 Jahren Staub angesetzt hat. Daran ändern auch die zum Teil atemberaubend charmanten GoGo-Girls und -boys nichts, die das Wortprogramm umrahmen. Ihre „Erotic-Dance Show" bleibt zwischen "Lover Parade" und „Aerobic zum Sendeschluß" nettes Beiwerk.
Zielrichtung von „Sex and Censorship" ist die Entlarvung einer Moral, die entblößte Brüste im TV als Obszönität verdammt, aber die Life-Ubertragungen des Golfkriegs fraglos aufsaugt. Da schildert Penny Arcade als „Telefonfräulein" die unerotische Sterilität eines Saubermann-Bordells und die Verklemmtheit seiner Kunden und philosophiert über Prostitution in der „ersten Welt« und die verkappte Homophilie der so homophoben Militärs.
Nach dieser ersten Kabaretteinlage beginnt sie, aus ihrem Leben zu erzählen, als habe sie sich selbst zu einer Talkshow eingeladen. Auch das ist noch kurzweilig: Daß Liebe eine der wichtigsten politischen Handlungen ist, die man leisten kann, daß wir, besonders in der Frage der Emanzipation eine neue Sprache brauchen, daß der erotische Tanz eine feministische Kampfhandlung ist. Das ist alles gut und schön. Aber daß ausgerechnet Gloria Gaynors „I will survive" das große AhaErlebnis auf dem Weg zu höherer, geläuterter Liebe sein soll, ist, selbst als Tresenweisheit, dann doch etwas zu starker Tobak. Vor allem, wenn es offensichtlich "sophisticated"
ernst genommen werden will. Die lockeren Sprüche geraten immer mehr zur Predigt.
Da läuft der sympathisch-quirligen Penny Arcade der Abend aus dem Ruder. Wenn sie halb unter Tränen von ihren, man höre und staune, 300 Bekannten berichtet, die von Immunschwäche dahingerafft wurden, weiß man nicht, ob man nun den Hut abnehmen soll- denn so viele Bekannte hat man selbst ja insgesamt nur schwer vorzuweisen-, oder ob einem-der Hut hochgeht, denn , "schon" die sechs Freunde, die der Krankheit zum Opfer fielen, lassen bei mir, besonders in der Öffentlichkeit, die Tränen eher versiegen.
Danach ist man sich nicht mehr sicher, ob das nun alles eher tragisch ist, oder komisch, oder falsch platziert, oder einfach nur nalv.

Auf einer Techno-Party wäre die Show ein gutgemeinter und engagierter Life-act, als »um jubelte", staatlich geförderte Performance geht sie aber leider den Bach runter.

CHRISTOPH FREDERICK

Weitere Vorstellungen: don~- nerstags bis sonntags, 21 Uhr, Ufa-Fabrik, Viktoriastr. 13, Es Tempelhof

Lieber krank und gesund als arm und reich:

Jean Verdier, der "letzte Spezialist"

Jean Verdier, der "letzte Spezialist"

Lieber krank und gesund als arm und reich:

TAZ, 3.11.89
Er geht wieder auf Reisen. Der im liebevoll gestalteten Theater UBU seßhaft gewordene Reisende Jean Verdier zeigt sein neues Programm: London-Mailand-New York-Berlin - Oper, Avantgarde-Performance, große Ausstattungsklassiker und Improvisationsworkshop - mühelos überspringt seine Phaniasie samt Publikum Grenzen.

Hilfreich ist dabei seine Zauberformel „Je demande" - ich verlange. Zum Beispiel ein köngliches Schloß. Und schon ist es da mit Geist und Hamiet, Ophelia und dem Mini-König Claudius, der sich von Erynnien umschwärmt unter den Röcken der Königinmutter versteckt. Lebendig, plastisch und urkomisch. „Je demande", und schon erlebt man - wa sonst - in Mailand, eine Oper, deren Story die Libretti von Puccini bis zum Minimalismus an hahnebüchener Genialität übertrifft: die Romanze vom Metro-Kontroletti, einem verkannten Erotik-Poeten, und der armen armen Schwarzfahrerin, die sein Genie zu schätzen weiß. Und all das untermalt von einen Chor, der die Mailänder Scala wackeln läßt. Licht aus, Licht an, ein neuer Schauplatz: das Avantgarde-Erlebnis im New Yorker Underground und die unbezähmbare Liebe des "letzten Spezialisten" zum Theater.

In atemberaubender Vielfalt erzählt er seine Geschichten von Liebe, Tod und Migräne wobei ihn Christine Ryrko als eigenwillige Dolmetscherin trefflich unterstützt. Aber wenn er den Vorhang aufmacht, erzählt er auch etwas über Theater, über die Art, wie es gemacht und betrachtet wird, mehr oder weniger liebevoll. Fabre hin, Friedrichs her. Verdiers Begegnungen jedenfalls sind von der liebenden Art und deshalb strapaziert sein Rundumschlag zum Thema Theater vor und hinter dem Vorhang nicht nur die Lachmuskeln, sondern frappiert den Intellekt und verzaubert das Gemüt. Und auch hier komme sein vielzitierter Großvater zu Wort: Quand il faut aller, ilfaut aller, wenn man gehen muß, dann ... ins Theater

Der letzte Spezialist. Von und mit Jean Verdier, mittwochs bis sonntags um 20.30 Uhr im UbU-Theater.

BOULE

 

Lachanalytiker contra Humorfunktionäetr

Trevor Griffiths | „Komiker“ | Studio im Maxim-Gorki-Theater

 

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Komiker werden. - Sie haben lange in einem Abendkurs gebüffelt, sich an vertrackten Übungen wundgescheuert, versucht zu verstehen, was der Lehrer und Meister meint und allmählich etwas gelernt, was Sie Ihr Eigen nennen könnten. Eine halbe Stunde vor der Prüfung erfahren Sie, daß der Prüfer ein alter Gegenspieler des Meisters ist, der wahrscheinlich genau das will, was Sie sich mühsam abgewöhnt haben. Das ist die, zuweilen herzzerreißend komische, Grundsituation des Stückes von Trevor Griffith, das Rolf Winkelgrund für das Studio des Maxim-Gorki-Theaters inszeniert hat,

An einem verregneten Abend trifft sich ein halbes Dutzend Männer, Arbeiter zu meist, in einem miefig lindgrünen Schulraum. Sie träumen von einem besseren Leben und belegen den Abendkurs von Eddie Waters, ehemals die legendäre „Lachbombe aus Lancashire".

Der ist aber alles andere als ein Provinz-Jerry-Lewis. Er ist eher ein Philosph, ein Analytiker des Lachvorgangs. Schon lange steht er nicht mehr selbst auf der Bühne, er hat offensichtlich einen Knick in der Biographie (Intendant Albert. Hetterle trägt diese Komikerbiographie in einem rätselhaften Lächeln ins Gesicht gemeißelt.)

Sein Scharfsinn wäre der eines Zynikers, loderte nicht dahinter ein Feuer menschlicher Wärme, in dem seine Maxime geschmiedet ist: Der Lacher auf Kosten von Minderheiten, der Lacher um jeden Preis ist billig und unwürdig. Die wahre Komik ist durch den eigenen Schmerz geläutert.         .

Sein Gegenspieler Challenor hat die Devise: Das Publikum will seine Lacher, wie billig die auch sein mögen. Bedienen - nicht missionieren! Er ist Agent des Komikerverbandes und verleiht das Zertiikat, das den Weg zu Ruhm und dicker Gage eröffnen kann - oder verleiht es nicht. (Gerd Michael Henneberg mit glatter Maske, die er nur zwei-, dreimal verzieht, damit aber ist die ganze verbissene Geschichte dieses Humor-Funktionärs bereits erzählt).

Die ganz begreifliche Nervosität der Prüflinge gerät unter solchem Vorzeichen zur Panik.

Also dann, auf in die Prüfung! Im Versammlungssaal eines Clubs sollen die angehenden Komiker, eher geduldet als erwünscht, zwischen zwei Bingo-Partien zum ersten Mal vor einer größeren Öffentlichkeit ihre Nummern vorführen - unter Challenors strengem Blick.  Und nun erleben wir, wie sie im knallharten Rampenlicht versuchen, nicht zu verrecken: Mick (Ulrich Müller als sympathischer „kleiner Bruder“) glaubt anscheinend noch an ein Fair- Play bei dem Job, und geht baden.

Sammy (Hilmar Baumann mit einer gekonnten Eckkneipenmilieu-Studie) scheut nicht einmal vor einem schlechten Plagiat zurück. Zwar erntet er seine Lacher, aber schrumpft für alle Zeiten zum Billig-Clown.

Das Brüderpaar Gerd (anrührend Wolfgang Hosfeld) und Phil (Ulrich Anschütz, urkomisch verbissen) wird vom Antagonismus mitten auf der Bühne auseinandergerissen und stürzt ab,

Nur George (Gottfried Richter als sympatischer „großer Bruder“) hält sich halbwegs bei dem Versuch, Erfolg und Integrität zusammenzubringen: Unter die Gürtellinie zu zielen und danebenzutreffen Er wird sozusagen der (wenn auch nicht frohe) Gewinner des Abends.

Und dann ist da noch Waters Lieblingsschüler Gethin (darstellerisch souverän: Götz Schubert - etwas mehr Brüchigkeit hätte die Figur noch bereichern können). Seine Nummer wird für alle zur Überraschung, grandios und schockierend, voller Haß auf das Lachpublikum, eingefrorene, reinste Komik, gar nicht komisch. Auch Waters ist verstört durch die Konsequenz seines Schülers und in einer Auseinandersetzung erzählt er ihm eine Geschichte, die tief in die Ambivalenz komischer Seinserfahrung hineinlotet, dorthin, wo sie gleichzeitig ihr Gegenteil ist. Sie ist wie das Gegenstück zu einer Pointe und deshalb außerhalb des Zusammenhangs kaum sinnvoll wiederzugeben.

Klug und sparsam inszeniert und ausgestattet (Austattung: Henning Schalle) vertraut die Aufführung dem Stück, einem ausgezeichnet! Stück, das die Balance schafft zwischen Tiefengrund und Leichtigkeit, das feinstes Rollenfutter bietet - und vor allern nicht denunziert. Und natürlich etliche gute Witze enthält. Mit so einem endet es auch.

Der ist so witzig, daß Waters sein Lachen wiederfindet.

Christoph Frederik | 07.06.1991

 

Informationen zum Scheersbergseminar

Da ist noch mehr drin...


Vom Impuls
zur Handlung

Von der Improvisation
zur Szene

Von der Rolle
zur Figur

Tschechow, Gärung der Gemüter
Foto: (c) Sinn und Ton | 2004
 

Schauspiel- Werkstatt...

...für fortgeschrittene Anfänger



Grundübungen zum schauspielerischen Ausdruck, zur Wahrnehmung von Raum, Impuls, Situation und Ästhetik
In dieser Werkstatt werden wir in erster Linie mit Improvisationen arbeiten (unter anderem mit den Techniken des „Theatersports“*) und daraus unser Szenenmaterial entwickeln.
Eine Absicht der Werkstatt ist es, den Darstellern zu helfen, ihre Spielimpulse, ihren eigenen Ton zu finden und weiterzuentwickeln und so die eigene Ausdruckskraft zu erweitern

*Theatersport hat nichts mit „Leibesübungen“ zu tun, sondern ist eine spielerische Form der szenischen Improvisation.

Ein Technik beim "Theatersport" besteht darin, daß vom Publikum Vorschläge gemacht werden, welche Ausgangssituation die Improvisation haben soll, die dann sofort anschließend von den Spielern begonnen wird.

Z.B. Wer, Wo, Was, (und: Wie - auch das ist möglich, wenn man zum Beispiel vorgibt, daß die Improvisation wie ein ein Western, eine Operette, ein rosaroter Liebestraum gespielt werden soll, oder in der Phantasiesprache "Gibberish", oder daß die Figuren keine Wörter mit K benutzen dürfen...)
Durch diese Einschränkungen ist der "Kopf" der Spieler auf diese Aufgabe konzentriert, und das verhindert, daß ihr "Bewußtsein" der Kreativität im Wege steht.

Denn:
Es ist unser Kopf (und in ihm vor allem) unser antrainiertes "Gut-sein-wollen", "Der-Erwartung-entsprechen-wollen", unsere Angst, als "anders-als-die-anderen" erkannt zu werden, kurz: unsere Eitelkeit, die uns am Spielen hindert.
Wenn ich als Spieler nicht weiß, wohin mit meinen Händen, dann verrät das dem Zuschauer, daß ich nicht spiele, sondern Angst habe, mit meinen Hände meine Unsicherheit zu verraten (z.B. meine Angst "langweilig" zu sein).
Also versuche ich, die Hände zu verstecken, oder mit ihnen "Bedeutung" zu malen.
Und genau das ist dann das Langweilige für den Zuschauer (und für mich selbst). Denn es erzählt eine Geschichte, über einen Spieler, der sich selber quält, anstatt mit den Zuschauern gemeinsam eine spannende Geschichte zu erleben...

Diese Grundgedanken hat zuerst die amerikanische Schauspieltrainerin Viola Spolin in den 50er Jahren formuliert und in ihrem Buch "Improvisation for the Theatre", © 1963 zusammengefasst. Das Buch ist inzwischen auch in deutscher Sprache erschienen

Mehr Anregungen zum Improvisieren >

Für Fragen und Anregungen stehe ich ab dem 1.8. zur Verfügung.

Email-kontakt

Telefon: 030-6939534


Informationen über Organisatorisches, Technisches, Finanzielles, Anfahrtswege etc. gibt es über

Internationale Bildungsstätte Scheersberg


...ein paar Denkanstöße

zitiert nach Keith Johnstone, dem ehemaligen Direktor des Royal Court Theatre in London, der den Begriff des "Theatersports"© geprägt hat.
(Keith Johnston: "Improvisation und Theater", "Theaterspiel“, beide: Alexander-Verlag, Berlin)

Das ist der Kern von Johnstones Lehre: Deine Phantasie ist nicht impotent, solange du nicht tot bist; du bist nur eingefroren. Schalte den verneinenden Intellekt aus und heiße das Unbewußte als Freund willkommen. Es wird dich an Orte führen, die du dir nicht hast träumen lassen, und es wird Dinge hervorbringen, die origineller sind, als alles, was du erreichen könntest, wenn du Originalität anstrebst.

Keith Johnstone im Gespräch
Foto: Ronald Spratte | Theaterhaus Berlin
 


*Alles, was hier über das Improvisieren gesagt wird, über das "Geschichtenerzählen", gilt natürlich auch für die Form der szenischen Improvisation, wie wir sie auf jeder Probe erleben, auf der wir versuchen unsere Rollen, unsere Szenenrealisierung zu finden. Denn auch das Spielen "geschriebener, vorgefasster Stücke" ist letztlich ein "Geschichtenerzählen" über das, was der Dramatiker geschrieben hat und das, was wir dabei erleben.
Irving Wardle


GESCHICHTENERZÄHLEN
Der Improvisierer (oder der Schauspieler auf der Probe...)
*kommt aus der Tretmühle, immer noch einen "besseren Witz" finden zu müssen, nicht heraus, wenn er nicht die Fähigkeiten entwickelt, eine Geschichte zu erzählen.


Geschichten bewegen sich von der Beständigkeit zum Chaos".
Ihre Struktur entsteht, indem z.B. Rätsel  eingebaut und gerechtfertigt werden.

Wenn der Kopf des Improvisierers die Kontrolle behalten will, wird er das Rätselhafte meiden, das Geheimnisvolle enträtseln, bevor es außer Kontrolle geraten könnte.

Improvisierer meiden oft die Phantasiegefahren, als seien sie wirkliche.
Aber das entzweit sie mit den Zuschauern.
Der Schauspieler will für sein gutes Aussehen bewundert werden, aber wir wollen ihn mit seinem Auto eingeschlossen auf dem Grunde des Sees sehen; die Spielerin will als "süß" angesehen werden, aber wir wollen sehen, wie sie von einem psychopathischen Vergewaltiger verfolgt wird.
Jemand ruft:
"Vorsicht, ein Hai!" - Nur um gesagt zu kriegen:
"Ist schon in Ordnung, das ist bloß ein Stück Treibholz..."

Eine Spielerin fragt:"Was ist das für ein Geräusch im Keller??"
Und sie bekommt die Antwort:
"Liebes, wie oft muß ich Dir noch sagen, daß wir keinen Keller haben!"
Das bringt zwar einen Lacher, aber jetzt werden die Spieler nie die furchteinflößenden Stufen heruntersteigen müssen...

Solche Manöver bringen die Spieler immer wieder an den Ausgangspunkt zurück, und sie fühlen sich untalentiert und phantasielos.

Wenn die Spieler nicht pausenlos daran denken, "originell" zu sein, und stattdessen den Zuschauern das bieten, was diese erwarten, lohnt es sich, ihnen zuzuschauen...

Einfälle herauszukramen, die außerhalb des Rahmens liegen, den der ursprüngliche Handlungsvorschlag vorgibt, ist falschverstandenen Originalität


Kein Mensch möchte sinnlose Geschichten, aber nur wenige von uns können erklären, was "Sinn" eigentlich bedeutet.
Hier ist eine sinnlose Geschichte:

"Rotkäppchen trägt einen Korb mit Plätzchen zur Großmutter.
Sie pflückt ein paar Blumen für die Großmutter.
Die Großmutter bewundert sie und stellt sie in eine Vase."

Jeder Dreizehnjährige würde sich beschweren, daß das keine "richtige" Geschichte ist, also laßt uns einen Konflikt hinzufügen.

"Rotkäppchen trägt einen Korb mit Plätzchen zur Großmutter.
Sie begegnet einem Wolf, der sie auffrißt.
Die Großmutter ist sehr traurig."

Kleine Kinder werden so etwas als doof abtun, denn sie werden mit dem Wissen geboren, daß "Sinn" erzielt wird, indem auf früher eingeführtes Material zurückgegriffen wird (obwohl sie es, sobald sie ihren Doktor machen, wieder vergessen haben).

Die Zuschauer schaffen eine Schattengeschichte, die neben der Geschichte (der Improvisation) besteht. Von allem, worauf man ihre Aufmerksamkeit lenkt, erwarten sie, daß es später von Bedeutung sein wird. Geschichtenerzählen funktioniert sehr gut, wenn es zwischen der Geschichte der Spieler und der Schattengeschichte eine Verbindung gibt. (Das ist das "vorwärtstreibende", das eigentliche "dramatische" Element)

Frage: Warum frißt der Wolf Rotkäppchen nicht gleich im Wald, statt sie es fürs Dessert aufzuheben?
Antwort: Der Wolf muß muß die Großmutter zuerst fressen, denn wir sind gespannt darauf, wie Rotkäppchen wieder in die Geschichte eingebaut wird (wird Rotkäppchen zuerst gefressen, ist die Spannung gleich Null).

Autoren können das Material, das nicht wert ist, wiedereingeführt zu werden, später streichen.
Improvisierer haben diesen Luxus aber nicht. Deshalb sollten sie immer darauf erpicht sein,Material wiedereinzuführen. Zuschauer sind für jedes wiedereingeführte Material dankbar.

Eine sinnlose Geschichte ist eine Geschichte, in der frühere Ereignisse nicht rekapituliert werden, oder eine, in der die Wiedereinführung verpfuscht wird.

Eine perfekte Geschichte ist eine Geschichte, in der das gesamte Material wiederverwendet wird. (Eine perfekte Geschichte kann dennoch sehr langweilig sein, wenn der Held nicht auf zufriedenstellende Weise mißhandelt wird).

GEHEIMNISSE
Geheimnisse sind Zeitbomben, von denen erwartet wird, daß sie später in der Geschichte explodieren:
Das Versprechen der Prinzessin wird dann zum "Kracher", wenn der Frosch zu ihr ins Bett springt,
die Fußspuren im Sand ticken vor sich hin, bis Robinson Crusoe die Menschenfresser sieht.

Fängst du irgendeine Aktivität an, zum Beispiel einen Polstersessel ausklopfen, schenken dir die Zuschauer ihre volle Aufmerksamkeit: ein Kredit, von dem sie erwarten, daß er mit Zinsen zurückgezahlt wird. Wenn du jetzt mit Ausklopfen aufhörst und das Licht ausgeblendet wird, fühlen die Zuschauer sich betrogen, selbst wenn du vorher zu Musik Staub geklopft hast und ein paar Lacher erhalten hast.
Die Zuschauer hatten gedacht, daß das "Rätsel des Staubklopfens" gelöst würde. Aber es fand sich kein Liebesbrief oder ein Buch mit Zauberformeln in den Polstern und der Stuhl sagte nicht:"Ah, tut das gut, mach das bitte nocheinmal!"

Sobald die Zuschauer nicht mehr daran glauben, daß ein Geheimnis aufgedeckt wird, werden die Fäden, die ihre Aufmerksamkeit fesseln, zerreißen...

Die ROUTINE UNTERBRECHEN
Anfänger fühlen sich unkreativ, wenn eine Aktivität sich ihrem Ende nähert, und manche versuchen, dies auszugleichen, indem sie etwas wirklich "Cleveres" wählen, zum Beispiel in einem von Haien wimmelnden Pudding tauchen gehen. Aber das hilft ihnen auch nicht. Das Publikum denkt. Na gut, sie tauchen in einem von Haien wimmelnden Pudding - und dann?

Um dieses Problem zu lösen, wollen wir alles, was die Improvisierer tun als "Routine" bezeichnen, zum Beispiel ein Buch lesen*, Blumen gießen*, Geschirr spülen*, was auch immer...
Die Zuschauer bezahlen Geld, um zu sehen, wie eine Routinehandlung unterbrochen wird. (Deshalb fühlen sich Improvisierer unkreativ, wenn eine Handlung sich dem Ende nähert.)
Fangt mit irgendeiner Routine an, - auch wenn sie noch so langweilig ist, und die Zuschauer werden geduldig warten, in der Hoffnung, daß ihr die Routine unterbrechen werdet. Die Routine '*Blumen gießen' wird unterbrochen, wenn die Blume "Danke" sagt.

Das Publikum sieht eine Routine, die nicht unterbrochen wird, als Einleitung zu einer Routine, die unterbrochen wird.


Der Spiegel sagt der Königin, daß sie die schönste Frau im Land ist.

Das ist eine Einleitung, da das In-den-Spiegel-sehen abgeschlossen ist.

Eines Tages sagt der Spiegel, daß Schneewittchen die schönste Frau im Königreich ist.

Dies unterbricht die Routine des In-den-Spiegel-sehens.

Mit Listen von Routinetätigkeiten kann man üben, sie zu unterbrechen...

Ein Buch lesen
Geschirr spülen
Gras mähen

Man braucht nicht mehr Talent, solche Routinetätigkeit zu unterbrechen, als man braucht, um sie aufzuschreiben.

Beispiel
Du liest ein Buch, in dem jemand beschrieben wird, der sich in genau der gleichen Situation befindet, wie du. Du liest, daß ein Mörder in das Haus einbricht. Im nächsten Moment hörst du hinter Dir eine Scheibe klirren...

Du spülst das Geschirr und hörst plötzlich eine Stimme aus dem Abfluss

Du mähst Gras und schneidest eine Schlange entzwei, die dir mit dem letzten Atemzug zuflüstert, sie habe eine Botschaft für dich...



Das "Offensichtliche" und das "Originelle":
Du sagst, wir sollen nicht versuchen "originell" zu sein, sondern "das Offensichtliche" machen. Aber heißt denn "die Routine unterbrechen" nicht, originell sein zu wollen??

Das hier gemeinte "Originell sein" heißt: Man bringt externes Material in die Szene hinein, das ist dann aber ein Angriff auf die innere Folgerichtigkeit der Szene und bringt die Handlung zum Entgleisen.
"Offensichtlich sein", heißt dagegen in diesem Zusammenhang, das zu enthüllen, was latent in einer Szene steckt.
Das Offensichtliche zu wählen ist das, was du getan hättest, hätte man dir nicht beigebracht, "clever" zu sein, oder "künstlerisch" oder was immer.
Offensichtlich zu sein, scheint so leicht zu sein, daß du denkst, es kann keine Bedeutung haben. Und doch würde deine "Offensichtlichkeit" dein wahres Ich ausdrücken, wogegen "originell sein" dein wahres Ich verschleiert, weil nur etwas imitiert wird, was vorher als originell definiert wurde.
<128-131>

Zum Beispiel:

"Nehmen wir an die Routine ist "eine Kartoffel schälen". Intuitiv weißt du, daß das Publikum sich betrogen fühlen wird, wenn du die Tätigkeit einfach zuende führst (warum ins Theater gehen, um jemanden eine Kartoffel schälen zu sehen)
Also läßt du die Kartoffel liegen und siehst nach einer originelleren Idee: Das Geschirr abwaschen, oder ans Telephon gehen... Dadurch wird die Kartoffel zu einem bloßen Vorspiel."

"Wie kann 'ans Telephon gehen' originell sein?"

"Es ist originell, weil es die Handlung in eine andere Richtun lenkt. Das Publikum interessiert sich nicht für das Telephon oder für den Abwasch; es interessiert sich für die Kartoffel, es möchte die Routine durch einen willkürlichen Schritt, der mit dem Akt des Kartoffelschälens zu tun hat, unterbrochen sehen. Du könntest dich in den Finger schneiden und nach einem Pflaster laufen oder den abgehackten Finger suchen, und das Publikum würde denken: ~Ah! Jetzt sehen wir die Pointe des Kartoffelschälens!~ Oder die Kartoffel könnte anfangen zu quieken unter dem Messer - das Geräusch könnte ein Teamkamerad beisteuern (oder du könntest bauchreden). Dies brächte ein Rätsel und Schmerz in die Szene und würde >Aktion< schaffen, indem es das Verhältnis zwischen dir und der Kartoffel verändert!*

»Es ist also falsch, nach 'guten Ideen' zu suchen?«

»Es gibt keine guten Ideen!~«

»Natürlich gibt es die!«

»Nicht, wenn sie isoliert stehen! Das ist das gleiche, wenn man von Hebeln spricht, ohne zu wissen, wofür sie eingesetzt werden sollen - ein abgebranntes Streichholz ist sicherlich besser geeignet, um einen auf dem Rücken liegenden Käfer aufzurichten, als eine Brechstange.«

Die meisten Leute wären völlig gelähmt, fragte man sie nach komischen Ideen über die Holzindustrie, doch ist das Problem so formuliert: »Unterbrich die Routine, einen Baum zu fällen«, bieten sich jede Menge Ideen von selbst an.

- Du fängst an zu schlagen und merkst nicht, daß jemand in den Zweigen sitzt.

- Du siehst das Herz und die Initialen, die du vor zwanzig Jahren in die Rinde geritzt hast.

- Ein Vogel bittet dich, seine Jungen zu verschonen. -

-Der Baum blutet, und der Blutschwall spült dich weg.

- Der Baum verspricht dir die Erfüllung von drei Wünschen.

- Der Baum bewegt sich weg, gerade als du ihn fällen willst.

- Die Axt wird bei jedem Schlag schwerer.

- Der Baum schreit, und es stellt sich heraus, daß es ein getarnter Naturphotograph ist.
-
Du versuchst »Achtung!« zu rufen, wenn der Stamm fällt, und
stellst fest, daß du deine Stimme verloren hast, und du kannst deine Kollegen nicht retten. ;

Alle diese Ideen sind »offensichtlich«**, denn sie bleiben am Baum,
während eine »originelle« Idee uns von dem Baum wegführen würde.


Man kann es in Gedanken üben:
Stell dir vor, du »putzt dir die Zähne«, und sie zerkrümeln unter der Zahnbürste.
Oder du stellst fest, daß es nicht dein Gesicht ist im Spiegel.

Oder stell dir vor, du klopfst an eine Tür, und deine Faust verschwindet in der Tür, und
du merkst, daß du ein Geist bist. *
Die Zuschauer glauben, daß der Improvisierer ihnen ein Geschehen vorstellt (eine Routine), weil er oder sie plant, sie zu unterbrechen.
Eine Routinehandlung, die vollständig ausgeführt wird, gilt als Einführung in eine Routinehandlung, die nicht vollständig ausgeführt wird. ~


Vorwärtsgehen
Vorwärtsgehen zwingt den Spieler dazu, eine Handlung interessanter zu gestalten und sie dann in eine willkürliche Richtung vorwärts zu bringen. Vorwärtsgehen sollte nicht mit »Überbrücken« verwechselt werden. Spieler, die überbrücken, versuchen ihre Ankunft an einem festgelegten Ziel hinauszuschieben, während ein Vorwärtsgehen immer ein Schritt ins Unbekannte ist.

Detail und Ausdauer
Charlie Chaplin betonte die Notwendigkeit, eine innere Einstellung zu haben, und Stan Laurel und Oliver Hardy sprachen davon, wie wichtig Schmerz *ist.
Doch wie hat Buster Keaton sich ausgedacht, ausweglos in einem Schaufelrad laufen zu müssen wie ein Hamster im Tretrad? Und wie kam Chaplin auf die Hütte, die in GOLDRAUSCH über dem Abgrund hängt? (Ich las ein Interview mit jemandem, der behauptet, daß die Idee von ihm stammt, es ist aber nicht die über den Klippen hängende Hütte, was daran besonders ist- das Erstaunliche ist die Eisscholle zwischen den beiden Türen, die die Figuren in einem Alptraum gefangenhält.)

Diese stummen Komiker schenkten unbedeutenden Details die größte Aufmerksamkeit.
Chaplin als Kellner schneuzt sich in die Serviette, bevor er sie glattstreicht und einem Gast umlegt. Wenn er »Geschirr spült«, läßt er einen Hund die Teller sauberlecken und steckt sie dann in eine Wäschemangel, um sie zu »trocknen«. Als Barbier schlägt er den Rasierschaum im Takt von Musik und kostet ihn, oder er steckt den Pinsel dem Kunden in den Mund, während er das Messer schleift, oder er findet eine Fliege im Rasierschaum und rettet sie - und versucht dann vielleicht sogar, die Fliege zu rasieren.

Zu dieser Beschäftigung mit dem Detail kommt eine unheimliche Ausdauer hinzu. Keaton will sich mit Patiencen-legen wachhalten, und er mischt die Karten und legt sie aus, auch als sie von der Nässe schon völlig aufgeweicht sind. Stan und Ollie versuchen einen Flügel mit einem abgebrochenen Bein zu halten. Das Pferd (das zufällig auf dem Flügel steht) schlägt Stans Hut herunter, und Stan bückt sich, um ihn aufzuheben, so daß Ollie das Gewicht des Flügels (plus des Pferdes) allein tragen muß. Passiert das einmal? Nein, es passiert immer und immer wieder und treibt Ollie allmählich zur Verzweiflung.

Viele Filme von Stan und Ollie basieren in ihrer gesamten Länge auf Dingen wie »ein Klavier die Treppe hochtragen« oder »eine Antenne auf dem Dach anbringen«. In einem Film halten sie an einer Kreuzung und werden von einem Verkehrspolizisten weitergewunken. Sie mißverstehen die Geste, steigen aus und gehen zu dem Polizisten hin:

»Zurück ins Auto!« ruft der Polizist, und sie gehorchen. Er bedeutet ihnen weiterzufahren.

Verblüfft steigen sie wieder aus und laufen wieder zu ihm hin (während der Verkehr sich staut). Diese Handlung (»den Verkehrspolizisten falsch verstehen«) macht den größten Teil des Films aus.

Und doch ... Wenn das Geheimnis* allein in der Wiederholung liegen würde, würden wir uns über jemanden, der tagein, tagaus Tüten klebt oder Fische ausnimmt, scheckig lachen.


Lernen, nicht vorwärtszugehen
In einer der allerersten Unterrichtsstunden im Studio bat ich einen Freiwilligen, "mit einer Handlung zu beginnen". Er mimte, einen Hund zu füttern.

»Mach die Handlung interessanter«, sagte ich. Er mimte, daß der Hund weglief.

»Was tust du jetzt?« fragte ich.

»Ich rufe meinen Hund.«

Es war, als hätte ich gesagt:
»Beginne mit einer interessanteren Handlung!«, aber niemandem fiel auf, daß eine Handlung durch eine andere ersetzt worden war.

Ich bat einen Schauspieler, eine Handlung zunächst in Worten zu beschreiben (»Damit wir wissen, wenn du sie veränderst«).

»Ich lese die Zeitung.«

»Mach die Handlung >eine Zeitung lesen< interessanter«,
Er mimte, eine Telephonnummer zu wählen.

»Was machst du jetzt?«

»Ich sage das Picknick ab, weil die Wettervorhersage Regen meldet.«

»Das ist aber doch eine andere Handlung. Bleib beim Zeitungslesen.«

»Du meinst, ich darf die Handlung nicht abschließen?«

»Genau.«

»Aber was soll ich tun?«

»Eine Nachricht in der Zeitung erweckt dein Interesse.«

Er starrt in die Zeitung und versucht, überrascht auszusehen.
»Wie war ich?«

»Gut. Jetzt versuche, die Handlung noch interessanter zu machen.«

»Noch interessanter?«

»Du stellst fest, daß du einen kleingedruckten Artikel nicht lesen kannst, und nimmst eine Lupe aus der Schublade«

»Und das ist keine neue Handlung?«

»Nein, finde ich nicht, denn schließlich liest du ja immer noch Zeitung«....



Du liest ein Buch und ...findest das verlorene Testament zwischen den Seiten

... und entdeckst, daß deine Frau alle Stellen unterstrichen hat, die von Männerhaß handeln...

... und stellst fest, daß es deine eigene Lebensgeschichte ist, und du weißt nicht, ob du den Mut hast, es zuende zu lesen...





Hier einige Fragen und Antworten vorweg:

Müssen wir bei den Improvisationen plattdeutsch sprechen?

Nein. Es geht bei diesem Wochenende um's Spielen, und spielen tut man in der Sprache, in der einem der Schnabel gewachsen ist.

Dürfen wir bei den Improvisationen Plattdeutsch sprechen?

Selbstverständlich. Es geht bei diesem Wochenende um's Spielen, und spielen tut man in der Sprache, in der einem der Schnabel gewachsen ist...

... oder in einem Mischmasch von Hochdeutsch und Plattdeutsch. Oder in einer Phantasiesprache.

ABER: Es kann eine reizvolle Theatersport-Aufgabe sein, eine Szene nur in Plattdeutsch zu improvisieren.


Hier werden in den nächsten Wochen noch mehr Fragen und Antworten auftauchen...

Also schaut öfter mal herein.

Fragen und Anregungen könnt Ihr auch im Gästebuch formulieren.



;-))

 

CV, Biografie

Christoff Bleidt

Autor | Regisseur | Bühnenbildner | Schauspieler

geboren 1956

1976 - 1980  | Ausbildung und Studium in Aix-en-Provence, München und Berlin.
(Schauspiel, Filmregie, Vergleichende Literaturwissenschaft/ Kunstgeschichte)

Erstes Engagement als Schauspieler am Jungen Theater in Berlin | 1981-1983

1979- 1982 | Assistenzen  bei
Herbert F. Schubert, Städtische Bühnen Flensburg
Wolfgang Weber, AMK Berlin
William Milié, Berliner Festspiele
Henry Akina, Berliner Kammeroper, Schiller Theater Berlin
Bühnenbildassistenzen bei:
Hans-Friedrich Bohn, Landestheater Schleswig-Holstein, Stadttheater St. Gallen,
Ric Schachtebek, Berliner Kammeroper

1983 - 1986 | Regisseur an der Berliner Kammeroper.


1987 - 1990 | Künstlerischer Leiter des Theater Boulevard, Berlin.


Seit 1989 | Gastregisseur und Bühnen/Kostümbildner an Theatern in der Bundesrepublik und der Schweiz.

1994 - 2000 | Intendant der Niederdeutschen Bühne Flensburg.

2000 – 2006 | u.a. ständiger Gastregisseur am Theater der Landeshauptstadt Magdeburg

Seit 1998 mit der Firma Pegasus-Projekte: Multimediale Events und Großveranstaltungen.

Von 2006 - 2023 Leiter des "Theaterhaus Berlin".
Seit 2010 Geschäftsführer der Kulturinitiative Förderband gGmbH

Arbeiten als Darsteller und Sprecher seit 1980

Arbeiten als Autor und Übersetzer für Theater- und Zeitungsverlage.

 


Videodokumentationen und Tondokumente sind auf Anfrage erhältlich

Kontakt

 

Christoff Bleidt

Regisseur für Musiktheater und Schauspiel.
Seit 1984 ca 100 Inszenierungen für Theater und Produzenten in Berlin, der Bundesrepublik und der Schweiz.
Seit 1993 plant und realisiert er mit PegasusKonzept multimediale Events, in denen komplexe Inhalte nach intensiver Recherche in Zusammenarbeit mit Komponisten, Choreographen, Bildgestaltern und Lichtdesignern emotional erlebbar gemacht werden.
Von 1994-2000 Intendant der Niederdeutschen Bühne Flensburg. Seit 2000 u.A. ständiger Gast des Theaters der Landeshauptstadt Magdeburg.
Seit 2006 Leiter des "Theaterhaus Berlin Mitte"
Arbeiten als Bühnenautor, Übersetzer und Journalist für verschiedenen Tageszeitungen und Theaterverlage.

Christoff Bleidt

Bildende Kunst, Film / Funk, Theater
Kontakt
Tel +49 30 6939534